Mit ‘Olympia’ getaggte Artikel

China-Spezial: Olympia im Blog

Donnerstag, 21. August 2008

Die Blue Screen des Todes leuchtete als deutlichstes modernes Zeichen des Scheiterns im Hintergrund, als bei der Olympia-Eröffnungsfeier der Fackelläuferflieger durch den Äther schwang.
Ein Fehler im sonst so perfekt geplanten Programm als Symbol für die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken?
Diesmal ein Wochenrückblick auf die Blogosphäre im Zeichen des Drachens.

Auch das Sport-Blog von The Guardian stellt die Frage, welche für echt gehaltenen Fakten sich letzten Endes noch als unecht enttarnen mögen. Bei Playback und dem am Computer simuliertem Feuerwerk wird es bestimmt nicht bleiben: “The good vibe blew out when we learned that the sweet melody of Ode To The Motherland springing from the pretty mouth of nine-year-old Lin Miaoki belonged to Yang Peiyi, two years younger and several bad teeth less ‘suitable’. We could look at Lin and listen to Yang. Nor were some of the fireworks real, at least on the TV images. What else, then, was unreal?”
Überhaupt bieten die Kollegen, die für das Guardian-Blog schreiben, vergleichsweise kritische Standpunkte. Doch sind es im Allgemeinen anscheinend eher die Printausgaben als die Blogs, die für die ernsthaftere Berichterstattung zuständig sind. Beispielsweise ein Artikel über die Liste von Regeln und Vorgaben für chinesische Berichterstattung: Don’t mention the carcinogenic water.
Blogs sorgen indessen vielfach für die amüsanten Gute-Laune-Stories vom Journalisten-Buffet oder den langen Strecken, die man im Vogelnest zurückzulegen hat.

Was aber auch seinen Charme haben kann. Jens Weinreich erzählt sehr zeitnah und informativ von den Ereignissen im Watercube, Poly Plaza, Vogelnest und wie all die Orte heißen. Das stressige Umherlaufen und krampfhafte Suchen nach Inspiration für gelungene Texte eines Olympia-Journalisten kann man hier besonders gut nach verfolgen. Zwischen den Anekdoten blitzen immer mal wieder ungemütliche Meldungen auf: Nach Meldungen der Chinese Human Rights Defenders sei die Frau des Bürgerrechtlers Hu Jia verschwunden. Es werde vermutet, dass sie in Polizeigewahrsam sei, um Gespräche mit Journalisten zu verhindern. Ihr Mann wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnisstrafe verurteilt – wegen ‘Aufrufs zum Umsturz der Staatsmacht’.

‘Aber nicht immer nur Jens Weinreich zu Wort kommen lassen!’, denkt man sich. Jedoch, die Journaille, die Journaille! Neben den Blogs, die sich mehr auf persönliche Erfahrungen in chinesischen Parks und Supermärkten beschränken, gibt es einige Blogs von deutschen Journalisten, deren Informationsgehalt fast gar nicht mehr einzusehen ist. Kuschelige Wohlfühlblogs, nennt Thomas Mrazek sie.
“Denn das mögen die Chinesen ja gar nicht, braune Haut, iiieh. Mit unserem, Sonnenstudios en masse finanzierenden knusperknusperknusperinderSonnebrutzelSchönheitsideal können die nur wenig anfangen”, heißt es da zum Beispiel im Blog der Rhein Zeitung. Auch differenzierte Beobachtungen zu den verschiedenen Typen von Busfahrern lassen sich finden ((a) die Schildkröte, b) der Massenmann, c) das Raserle). Der Liter Bier für den Silbermedaillengewinner im Ringen wird von einem Saarländer Journalisten begleitet von dem unverkrampften Kommentar “Nebenbei bemerkt, wenn ein Liter Bier schon Silber bedeutet, ach …was hann mir dann an so mancher Kerb schon Goldmedaille versoff… mehrfach … her uff geh fort…”
Man ist geneigt, mit den Worten des Olympia-Blogs der ehrwürdigen Bild-Zeitung zu fragen: “Ja, hallo, was geht denn hier ab? Muss ich das verstehen?”

Interessantes zu Zensur, Festnahmen, Richtlinien für chinesische Journalisten, das Verhalten westlicher Journalisten vor Ort und das Verbot für Sportler, sich politisch zu äußern, findet sich auf Medienlese.com. Die chinesische Blogger-Szene wird auf dem taz-Blog ‘Gelbe Seiten’ von Shi Ming beobachtet. Eine Sammlung von bloggenden Athleten findet sich auf politik-digital.

Auf den Nachdenkseiten wird die antidemokratische Situation in China mit Deutschland verglichen – bei uns würde die Ausschaltung demokratischer Alternativen lediglich subtiler ablaufen. Immerhin dürfen wir Public Viewing betreiben, ohne es vorher anmelden zu müssen: In China besteht Versammlungsverbot, wie Thomas Becker für die Süddeutsche berichtet.

Blogschau (o8/II)

Dienstag, 12. August 2008

Die letzte Woche: Sommerlöcher noch und nöcher, dazwischen das größte Sommerloch Olympia und die Überschattung der Eröffnungsfeier durch den Kriegsausbruch im Kaukasus.

Innerparteiliche Querelen beherrschen in der ersten Hälfte der Woche das Geschehen. Nach Clement macht Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Ringstorff von sich Reden. Das CDU-Blog wertet den Rücktritt des Ministerpräsidenten als Zeichen für ein Erstarken der CDU in Mecklenburg-Vorpommern. Andrea Ypsilantis Plan, es “mit den Kommunisten zu versuchen“, wird als Niederlage und Zeichen der Unglaubwürdigkeit für Kurt Beck bezeichnet.
Die Nachrichtensendungen können sich nicht satt sehen an den gähnend langweiligsten Bildern des Jahres. Clement, wie er auf seinem Fahrrad angeradelt kommt um dann (Close-up auf’s Gesicht) vor schöner Flusskulisse seine “Entschuldigung” (bitte dreifach Anführungszeichen mitdenken) ausspricht. Wolfgang Lieb fasst den ‘Kernpunkt’ dieses Gipfels der Unwichtigkeit zusammen.

Wesentlich wichtiger ist der Kriegszustand, der Ende der Woche in Georgien ausgerufen wird und den olympischen Frieden erschüttert (ein unnötiger Hinweis, aber es hört sich so schön an). Fefe meint, Russland habe nur “auf einen Vorwand gewartet, um sich da gegen Georgien einschalten zu können.” Jens Berger fragt sich, was sich Georgiens Präsident Saakaschwili bei seiner selbstzerstörerischen Eskalationsstrategie denkt.
Jochen Hoff malt da in denkbar schwärzeren Farben: “Es wird deutlich kälter auf dieser Welt. Deutschland sollte sich nicht in einen kalten Krieg mit Russland treiben lassen. Da kann Deutschland nur verlieren. Man darf aber die Frage stellen ob es noch Sinn macht mit den US-Amerikanern verbündet zu sein. Vieles spricht dagegen. ”
Im Küchenkabinett wird prophezeit, dass der Konflikt die internationale Gemeinschaft auf eine harte Probe stellen wird.
Man darf gespannt sein, welche Quellen über diverse Hintergründe der Krise von Bloggern entdeckt und welche Informationen sie zusammen tragen werden. Schließlich läuft der Propagandakrieg auch im Netz ab, wie Netzpolitik berichtet. Jens Berger beginnt schon einmal mit Hinweisen auf fehlgeleitete Berichterstattung und will diesen Artikel in den nächsten Tagen durch neue Beispiele ergänzen, an denen es wohl nicht mangeln wird.
In Zettels Raum wird von energiepolitischen Gründen für die Invasion ausgegangen.

Zum Anlass des 63. Jahrestages der Hiroshima-Bombe schreibt Frédéric über die neuen und alten Gefahren des Atomzeitalters. Wolfgang Lieb schlüsselt die ‘Unendlichkeitskosten” von “billigem” Atomstrom auf.

Paris Hiltons Antwort auf McCains Werbespots, in denen er Obama mit Celebrities wie Britney Spears oder Hilton vergleicht stößt bei vielen Bloggern und Kommentatoren auf Unterstützung.

Leute, die Olympia kucken, (bzw. wie Jens Weinreich persönlich dabei sind) lassen mich wissen, es hagele Weltrekorde. Schön! Die Menschen werden anscheinend immer größer, schneller und stärker. Wenigstens muss nichts mehr über Olympia in China geschrieben werden – es gibt sie jetzt schon, die Zusammenfassung.

Blogschau V

Dienstag, 05. August 2008

Die politischen Blog-Highlights der letzten Woche: Überall viel Verwunderung und Verdruss, aber wenig Freude. Über Rauchergesetze, nostalgische Politikeranwandlungen und Rauswürfe. Und natürlich über China.

Verdruss: Frank weist auf eine Entschlüsselung des EU-Reformvertrages hin und meint abschließend: “Man muss sich nicht als Globalisierungsverängstigter beschimpfen lassen, wenn man gegen diesen Vertrag eingestellt ist, Demokrat trifft’s besser.” Schön wäre es doch, wenn EU-Abgeordneten erstmal die Möglichkeit genommen wird, nicht arbeitenden Familienangehörigen ein kleines Extra-Taschengeld zu ermöglichen. Kein Wunder also, dass die Iren erneut ablehnen würden.

Oh nein! Nun wird man auch in den USA auf die Peinlichkeiten der Bild-Zeitung aufmerksam. Wenn diese Obama-’Berichterstattung’ nicht in den eigenen vier Wänden bleibt, sondern interkontinental gelesen wird, dann wird es wirklich unangenehm.
McCains PR-Zentrale nutzt ebenfalls die Bilder doofer obamatrunkener Deutscher, um sich ein wenig lustig zu machen.

Unangenehm ist Malte auch die Anwesenheit der Büste von Franz Josef Strauss in der ‘Ruhmeshalle der Deutschen’. Einerseits könnte es ja egal sein, wessen Köpfchen in einer bayrischen Walhalla neben Scholl, Brahms und Einstein steht. Andererseits: irgendwann ist Schluss. Wie wäre es mit dem Wachskabinett? Da könnte denn auch ein engagierter Blogger die Figur köpfen, was bei einer Büste wiederum nicht so leicht ist.

Jens Berger nimmt das Sommerloch-Angebot des Konjunkturprogramms von Wirtschaftsminister Michael Glos auseinander unter die Lupe. Er wundert sich darüber, wie die CSU die SPD nun wirtschaftspolitisch links überholt. Eigentlich müsste man sich ja im allgemeinen Wahlkampfgemetzel über nichts mehr wundern. Aber gut, dass es einige Leute immer noch tun.

Zu den Gefahren der digitalen Signatur spricht sich Fefe aus: “Ich bin mir sicher, dass wir eines Tages jemanden wegen so einem “Beweis” ins Gefängnis stecken werden, weil er ja bewiesenermaßen am Tatort war. Und weil die Technik ja sicher ist, hat man sofort einen unwiderlegbaren Beweis am Start.” Interessant zu diesem Thema ganz ausnahmsweise mal SPON, über die Fahndung nach dem Mörder, der einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke warf. Ganz klar wird hier das Nichtvorhandensein von rechtlichen Normen zur Anwendung von Handy-Erfassung etc.
Auch der Oeffinger Freidenker denkt über die Datenmassen nach, die beispielsweise in den Antiterrordateien gespeichert sind. Verwundert registriert er die Naivität eines frischgeborenen Säuglings, mit der britische Sicherheitsexperten auf die kriminellen Akte hinweisen, die man begehen kann wenn man im Besitz sensibler Daten ist.

Eine Verteidigung der Raucherfreiheit und rauchiger Eckkneipen findet sich bei Jens Berger. In Einraumkneipen gäbe es sowieso keine schützenswerten Nichtraucher, weshalb eine Lockerung der Nichtrauchergesetze in Teilen tatsächlich richtig sei.

Oh, ich glaube Herr Sarrazin, dieser heidnische Sarrazene, dieser Misanthrop, er genießt es doch jedes Mal von neuem, wenn sich das (vornehmlich) linke Lager über seine Ausfälle echauffiert. Diesmal: Nostalgische Erinnerungen an die Kindheit bei 16 Grad und der sinngemäße Hinweis, man müsse als Hartz IV-Empfänger ja nicht heizen. Meine Oma hat immer etwas von heißen Backsteinen im Bett erzählt, das wäre auch eine Möglichkeit. Und schwupsdiwups, hat man doch wieder über Thilo geschrieben.

In Zettels Raum verwundert man sich über die Olympia-Berichterstatter, die nun schockiert darüber sind, dass die chinesische Regierung nicht alle hehren Versprechen hält, die sie im Vorfeld gegeben hat.
Jens Berger entlarvt eben jene Entrüstung als Doppelmoral: “Dass Chinas Überwachungsstaat mit willfähriger Hilfe westlicher Unternehmen aufgebaut wurde, scheint die westliche Politik und die westlichen Medien nicht sonderlich zu stören.”
Jaja, don’t mix politics with games. Jens Weinreich bloggt unter diesem Motto fleißig als Sportjournalist und erlaubt seltene Einblicke in den chinesischen Olympia-Alltag. Auch von Spreeblick für gut befunden.

Die fünftägige Inhaftierung und Befragung eines ARD-Kameramannes wird von Mein Parteibuch zwar verurteilt – die Berichterstattung der ARD über den Fall allerdings auch. So habe der Kameramann nicht gesagt, worin die an ihm verübte Folter überhaupt bestand. Aber bitte: Muss man das erwarten? Ich glaube nicht – vor allen Dingen wenn die eigenen Kinder während des Interviews daneben sitzen.

Dann der von Vielen kritisierte Rauswurf Clements: Wolfgang Lieb bezeichnet ihn als ‘verheerend’, sein Kollege bei den Nachdenkseiten rudert zurück: Manchmal ist das Gegenteil eines Rauswurfes noch verheerender.
Als ‘kurios’ bezeichnet auch Zettels Raum den Parteiausschluss. Er führe nur zu dem, was eigentlich verhindert werden sollte: Zu noch größeren Zerwürfnissen innerhalb der SPD. Die Nachdenkseiten machen’s vor.
Den medial inszenierten Teil des Clement-Events zerpflückt Mein Parteibuch und erkennt die ‘Milliardärspresse’ als Drahtzieher und Meinungsmacher.
Für Jochen Hoff auf Duckhome ist der Rausschmiss ein Ablenkungsmanöver der SPD. Sie verbannt einen Teil von sich, der das Übel repräsentiert um mit eben jenem Übel weiter machen zu können: “Nein, es nicht parteischädigend mit der Agenda 2010 die Menschen in Deutschland zugunsten der neoliberalen Wirtschaftsfaschisten und des Großkapitals verraten zu haben. Dieser Verrat ist die aktuelle SPD. So sieht sie aus. Aber so möchte sie nicht aussehen und deshalb braucht es die Clement Täuschung.”