Die Blue Screen des Todes leuchtete als deutlichstes modernes Zeichen des Scheiterns im Hintergrund, als bei der Olympia-Eröffnungsfeier der Fackelläuferflieger durch den Äther schwang.
Ein Fehler im sonst so perfekt geplanten Programm als Symbol für die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken?
Diesmal ein Wochenrückblick auf die Blogosphäre im Zeichen des Drachens.
Auch das Sport-Blog von The Guardian stellt die Frage, welche für echt gehaltenen Fakten sich letzten Endes noch als unecht enttarnen mögen. Bei Playback und dem am Computer simuliertem Feuerwerk wird es bestimmt nicht bleiben: “The good vibe blew out when we learned that the sweet melody of Ode To The Motherland springing from the pretty mouth of nine-year-old Lin Miaoki belonged to Yang Peiyi, two years younger and several bad teeth less ‘suitable’. We could look at Lin and listen to Yang. Nor were some of the fireworks real, at least on the TV images. What else, then, was unreal?”
Überhaupt bieten die Kollegen, die für das Guardian-Blog schreiben, vergleichsweise kritische Standpunkte. Doch sind es im Allgemeinen anscheinend eher die Printausgaben als die Blogs, die für die ernsthaftere Berichterstattung zuständig sind. Beispielsweise ein Artikel über die Liste von Regeln und Vorgaben für chinesische Berichterstattung: Don’t mention the carcinogenic water.
Blogs sorgen indessen vielfach für die amüsanten Gute-Laune-Stories vom Journalisten-Buffet oder den langen Strecken, die man im Vogelnest zurückzulegen hat.
Was aber auch seinen Charme haben kann. Jens Weinreich erzählt sehr zeitnah und informativ von den Ereignissen im Watercube, Poly Plaza, Vogelnest und wie all die Orte heißen. Das stressige Umherlaufen und krampfhafte Suchen nach Inspiration für gelungene Texte eines Olympia-Journalisten kann man hier besonders gut nach verfolgen. Zwischen den Anekdoten blitzen immer mal wieder ungemütliche Meldungen auf: Nach Meldungen der Chinese Human Rights Defenders sei die Frau des Bürgerrechtlers Hu Jia verschwunden. Es werde vermutet, dass sie in Polizeigewahrsam sei, um Gespräche mit Journalisten zu verhindern. Ihr Mann wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnisstrafe verurteilt – wegen ‘Aufrufs zum Umsturz der Staatsmacht’.
‘Aber nicht immer nur Jens Weinreich zu Wort kommen lassen!’, denkt man sich. Jedoch, die Journaille, die Journaille! Neben den Blogs, die sich mehr auf persönliche Erfahrungen in chinesischen Parks und Supermärkten beschränken, gibt es einige Blogs von deutschen Journalisten, deren Informationsgehalt fast gar nicht mehr einzusehen ist. Kuschelige Wohlfühlblogs, nennt Thomas Mrazek sie.
“Denn das mögen die Chinesen ja gar nicht, braune Haut, iiieh. Mit unserem, Sonnenstudios en masse finanzierenden knusperknusperknusperinderSonnebrutzelSchönheitsideal können die nur wenig anfangen”, heißt es da zum Beispiel im Blog der Rhein Zeitung. Auch differenzierte Beobachtungen zu den verschiedenen Typen von Busfahrern lassen sich finden ((a) die Schildkröte, b) der Massenmann, c) das Raserle). Der Liter Bier für den Silbermedaillengewinner im Ringen wird von einem Saarländer Journalisten begleitet von dem unverkrampften Kommentar “Nebenbei bemerkt, wenn ein Liter Bier schon Silber bedeutet, ach …was hann mir dann an so mancher Kerb schon Goldmedaille versoff… mehrfach … her uff geh fort…”
Man ist geneigt, mit den Worten des Olympia-Blogs der ehrwürdigen Bild-Zeitung zu fragen: “Ja, hallo, was geht denn hier ab? Muss ich das verstehen?”
Interessantes zu Zensur, Festnahmen, Richtlinien für chinesische Journalisten, das Verhalten westlicher Journalisten vor Ort und das Verbot für Sportler, sich politisch zu äußern, findet sich auf Medienlese.com. Die chinesische Blogger-Szene wird auf dem taz-Blog ‘Gelbe Seiten’ von Shi Ming beobachtet. Eine Sammlung von bloggenden Athleten findet sich auf politik-digital.
Auf den Nachdenkseiten wird die antidemokratische Situation in China mit Deutschland verglichen – bei uns würde die Ausschaltung demokratischer Alternativen lediglich subtiler ablaufen. Immerhin dürfen wir Public Viewing betreiben, ohne es vorher anmelden zu müssen: In China besteht Versammlungsverbot, wie Thomas Becker für die Süddeutsche berichtet.

