Clinton hat ein Argument, Obama keine Waffel

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23. April 2008 | 11:38 Uhr

Auf dem Papier sprechen alle Zahlen dafür, dass Barack Obama Präsidentschaftskandidat der Demokraten wird. Daran hat der Sieg von Hillary Clinton in Pennsylvania nichts geändert. Aber er zeigt, dass durch die demokratische Partei ein Riss läuft, der dafür sorgen kann, dass Obama seine wohl verdiente Waffel (sprich: Kandidatur und Präsidentenamt) nicht bekommt. Am Ende könnte weder ein Schwarzer noch eine Frau, sondern ein 72-jähriger Veteran ins Weiße Haus ziehen.

Barack Obama hat Pennsylvania deutlich verloren, aber die proportionale Verteilung der entscheidenden Delegiertenstimmen sorgt dafür, dass Hillary Clinton in der Endabrechnung kaum profitiert. Nach wie vor hat der Afroamerikaner doppelt so viele Staaten gewonnen, hat mehr Wählerstimmen und gut 120 Delegiertenmandate mehr als Clinton gesammelt.

Doch in Pennsylvania hat Clinton bewiesen, dass sie die großen, von eher konservativen weißen Wählern dominierten Bundesstaaten gewinnen kann – und Obama nicht. Das spielt vor allem bei der eigentlichen Präsidentschaftswahl im November eine Rolle: Wer die so genannten Swingstates wie Ohio und eben Pennsylvania nicht den Republikanern entreißen kann, der hat keine Chance auf die Präsidentschaft.

Das ist Clintons Argument, dass sie laut hinausposaunen wird: Wir wollen Veränderung nicht nur wollen, sondern herbeiführen – und dafür müssen die Superdelegierten für meine Nominierung sorgen. Und tatsächlich werden die Vertreter des Parteiestablishments am Ende auf dem Parteitag Ende August den Ausschlag geben.

Genau das ist der Grund, warum Obama seine so hart erkämpfte Vorreiterstellung nicht in die Nominierung ummünzen kann. „Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe meine Waffel essen“; fragte er Reporter genervt beim Frühstück. Was er eigentlich meinte, formuliert die linke Kolumnistin Maureen Dowd treffend: Warum macht ihr mich nicht endlich einfach zum Kandidaten und zum Präsidenten?

Das ist nun klar: Weil große Teile der demokratischen Partei nicht davon überzeugt sind, dass der jugendliche, charmante aber inhaltlich noch so wenig greifbare und formal unerfahrene Senator tatsächlich gegen die brutale Kampfmaschine der Republikaner bestehen kann – und ob er überhaupt ihre eigenen Werte vertritt.

Denn die Demokraten sind zwar im US-Jargon eine liberale (sprich: linke) Partei, aber neben dem wirklich liberalen, progressiven Flügel gibt es eben auch den sehr bodenständigen, konservativen Bauch der Partei. Gerade diesen Wählern, der weißen Unterschicht, den Kirchgängern und Waffenbesitzern war Obama zuletzt kräftig auf die Füße getreten. Diese Demokraten haben tatsächlich Angst – Angst vor einem weiteren sozialen Abstieg. Und bei ihnen kommt Clinton mit ihren traditionellen sozialkämpferischen Parolen besser an, selbst wenn der größte Teil der Wähler an ihrer Ehrlichkeit zweifelt.

Damit ist klar, dass die Vorwahl der Demokraten auch beim letzten Termin am 3. Juni nicht entschieden wird und es zur Kampfabstimmung auf dem Parteitag, zu einer echten Zerreisprobe der Demokraten kommen wird.

Lachende Dritte sind John McCain und seine Republikaner. Zwar ist nur vorübergehend vergessen, dass auch die Konservativen mit ihrem in gesellschaftlichen Fragen liberalen Kandidaten große Probleme haben. Aber seine Chancen werden umso besser, je länger sich die Demokraten zerfleischen. Die Wahl am 4. November verspricht genauso spannend zu werden wie die Vorwahl.

Goodbye Rudy – was Florida den Republikanern bringt

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29. Januar 2008 | 14:07 Uhr

Die Republikaner treten heute in Florida, dem ersten wirklich bevölkerungsstarken Staat an. Dabei geht es John McCain und Mitt Romney darum, ihre Führungsposition vor dem Super Tuesday zu beweisen. Mike Huckabee will weiter im Rennen bleiben, Rudy Giuliani muss um seine Relevanz kämpfen.

Nach den letzten Umfragen wetteifern John McCain und Mitt Romney um die Führungsposition. In einem Poll der angesehenen lokalen Quinnipiac Universitity kommt McCain auf 32 Prozent, Romney auf 31. Bei der Suffolk University ist McCains Vorsprung ein wenig größer – aber das gehört in den Bereich der statistischen Fehlerquote. Und auch der Durchschnitt aller letzten Umfragen von RealClearPolitics liefert das gleiche Bild in Florida (und zunehmend auch auf nationaler Ebene).

Die beiden Favoriten hatten sich zuletzt eine bittere Auseinandersetzung geliefert: Romney wirft seinem Gegner vor, kein echter Republikaner zu sein. McCain kontert mit dem Vorwurf, Romney habe seine Haltung in vielen Fragen opportunistisch gewechselt: “People, just look at his record as governor. He has been entirely consistent. He has consistently taken two sides of every major issue, sometimes more than two.”

Mike Huckabee kommt in den Polls auf Werte um die 13 Prozent – genug, um wenigstens weiter mitspielen zu dürfen. Abgeschlagen ist Ron Paul mit weniger als fünf Prozent.

Am spannendsten wird es für Rudy Giuliani, der die bisherigen Vorwahlen ausgelassen und sich voll und ganz auf Florida konzentriert hat. Während die anderen Kandidaten durch New Hampshire, Iowa und South Carolina tingelten hat der New Yorker Ex-Bürgermeister hier immer wieder die Wähler bearbeitet, allerdings meistens außerhalb der Wahrnehmung der großen Medien. Bei seinen letzten Wahlveranstaltungen, zu denen Giuliani immerhin mit einer Boeing 727 anreiste, kamen laut New York Times nie mehr als 100 Zuhörer.

Und in den Umfragen landet Giuliani nur bei Werten um die 14 Prozent – und wird demnach mit Huckabee um den dritten Platz kämpfen müssen. Für den Amerika-weit bekannten Vorkämpfer gegen New Yorks Kriminalität und die Folgen des Terrors vom 11. September wäre das ein demütigendes Ergebnis. “Mayor Giuliani rolled the dice for his entire campaign on Florida, and barring a comeback of monumental proportions, it looks like he is coming up snake eyes,” urteilt Quinnipiac-Direktor Peter Brown.

Bei den Demokraten spielt das Ergebnis eigentlich keine Rolle. Nachdem Florida seinen Wahltermin eigenmächtig nach vorne verlegt hatte nahm die Parteiführung dem Bundesstaat alle Delegiertenstimmen ab. Entgegen den Absprachen hat alleine Hillary Clinton hier Wahlkampf betrieben – und führt in den Umfragen mit rund 20 Prozentpunkten Vorsprung vor Barack Obama. Clinton drängt nun die Parteispitze, ihre Strafaktion rückgäng zu machen – und will in dem Sonnenscheinstaat wenigstens einen Propaganda-Sieg landen.

Bereits mehr als eine Million Wähler haben ihre Stimme per Briefwahl abgegeben, die Behörden rechnen mit einer Rekordbeteiligung. Hoffen wir mal, dass alle Wahlautomaten funktionieren.

Der beste Redner der Demokraten …

2 Kommentare » von Georg Watzlawek uswahl2008.de
21. Januar 2008 | 21:13 Uhr

… ist eine Frau. Und sie ist Schwarz. Michelle Obama versteht es meisterlich, ihre Rethorik von den üblichen Wahlkampfreden abzusetzen, die Zuhörer zu fesseln – und sie dennoch davon zu überzeugen, dass ihr Mann Barack Obama der einzige richtige Kandidat für das Weiße Haus ist.

Ein kleines schwarzes Mädchen von Chicagos Southside

Das Benedict College an einer Ausfallstraße von Columbia liegt ziemlich genau an der Grenze zwischen den weißen und schwarzen Wohnvierteln der Hauptstadt von South Carolina. Hinter dem College werden die Straßen noch trostloser, als sie es hier ohnehin sind. Hier, in der Kapelle des Colleges versammeln sich an diesem Sonntag die herausgeputzten afroamerikanischen Aufsteiger, die durch Bildung den Weg in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben. Sie kommen, um eine der Ihren zu hören: Michelle Obama, die erfolgreiche Juristin und potenzielle erste schwarze First Lady der USA.

Sie sehr groß, sieht in ihrem schwarzen Kleid blenden aus, aber sie fühle sich noch immer als das “kleine schwarze Mädchen aus Chicagos Süden”. Und sie appelliert an ihre Zuhörer, nicht mit dem eigenen Erfolg zufrieden zu sein – sondern auch zu geben. “Lasst es Euch nicht einreden, Ihr müsstet immer schneller, härter und gerissener sein als alle anderen”, ruft Michelle in die Kapelle. Genau dieses Denken habe “die Seele der amerikanischen Nation” zerbrochen, habe das Verantwortungsgefühl der Menschen für einander zerstört. Und nur Barack Obama, “mein Mann, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten”, stehe als einziger der Kandidaten für den fundamentalen Wechsel, der Amerika wieder einig und groß machen könne.

Das könnte pathetisch klingen, fast arrogant an. Aber Michelle Obama erläutert das Programm von “Change and Hope” so nah an der Lebenswelt ihrer Zuhörer, dass man sich ihrer Botschaft kaum entziehen kann. Darum ist ihre Rede so viel effektiver als die vielen Wahlkampfreden – und auch viel besser als diejenige, die ihr Mann wenige Stunden später in Columbias Convention Center halten wird, so charismatisch er auch ist.

Für die große Sache, für die Kinder Amerikas

Michelle Obama redet völlig unprätentiös. Ja, ihr Mann bewerbe sich immer noch um die Präsidentschaft, all der Rückschläge, der Kritik und der Härten des Wahlkampfes zum Trotz. Aber sie wolle sich nicht beklagen – “uns geht es blendend”. Ihr selbst, ihrem Mann und auch den sechs- bzw. neunjährigen Töchtern Maria und Sascha. “Barack hatte gestern zwei Stunden Zeit nur für sie – und sie haben zwei Stunden lang nur geredet”, berichtet sie. Gerade für sie nähmen sie die ganzen Strapazen schließlich auf sich: “für unsere eigenen Kinder, für alle Kinder Amerikas”.

Sie zeichnet ein schonungsloses Bild der amerikanischen Gesellschaft, die zerrissen sei, sich nicht mehr kenne, immer zynischer werde und aus Angst heraus falsche Entscheidungen treffe. Mit ihren 44 Jahren sei sie noch jung, ruft sie aus. Aber sie fühle sich alt, wenn sie sehe, wie weit sich Amerika während ihres Lebens von seinen Ursprüngen entfernt habe.

Früher, als sie in einer Arbeiterfamilie im sicher nicht idyllischen Süden von Chikago aufwuchs, sei alles ganz anders gewesen. “Mein Leben war so einfach, und so schön.” Ihr Vater habe es allein mit seiner eigenen Arbeit geschafft, die zwei Töchter durch das College zu bringen. “Und meine Mutter konnte es sich damals noch leisten, zu Hause zu bleiben und uns zu erziehen.” Damals habe es sie noch gegeben, die guten Schulen, die guten Lehrer, die ihr den Weg nach Princeton und nach Harvards geebnet hätten, in die höchsten Bildungseinrichtungen des Landes.

Das Leben der “regular folks” ist so hart geworden

Wie anders sehe es heute aus. Die Politik in Washington, egal ob unter demokratischer oder republikanischer Führung, mache das Leben für die einfachen Menschen so unglaublich hart. Eine normale Familie könne es sich heute einfach nicht mehr erlauben, ihre Werte zu leben: die Kinder selbst zu erziehen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen und ihnen ein anständiges Essen zu kochen. “Die Eltern schaffen es nicht. Und das macht sie bitter.”

Sie weiß, wovon sie redet. Sie und Barack zählten sich noch immer zu den normalen Leuten, zu den “regular folks”. “Wir haben erst vor drei Jahren unsere Stipendien zurückgezahlt. Und das konnten wir auch nur, weil Barack zwei Bestseller geschrieben hat. Wie soll man das sonst auch leisten: seine eigenen Bildungsschulden abzutragen, wenn man doch schon Rücklagen für die Bildung der eigenen Kinder ansparen soll.”

Doch damit müsse an sich nicht zufrieden geben. “Barack sagt, wir haben die Wahl. Wir sind eine reiche Nation und müssen uns nur entscheiden, ob wir die Milliarden für den Krieg ausgeben wollen, oder für Bildung und Gesundheit”. Wie gute Bildung aussieht wisse man ja, nur seien die wenigen guten Schulen bislang nur für die wenigen Glücklichen da.

We are not tought? We live in Chicago!

Und darum brauche man eine völlig neue Führung, nur nicht wieder jemanden aus der Washingtoner Politik-Kaste. Für diesen Wandel stehe Barack Obama, er habe den richtigen Charakter dafür, die richtige Erfahrung. Offensiv widerspricht Michelle Obama der verbreiteten Kritik, ihr Mann sei eben doch zu jung, zu unerfahren für ein solches Amt.

“Mein Mann macht seit vielen Jahren die richtigen Dinge, er hat immer wieder die guten Sachen gemacht, auch dann, wenn man sie nicht sieht – und das nennen sie jetzt Unerfahrenheit!” Baracks Mutter, ein 18jähriges Mädchen aus Kansas sei damals völlig naiv gewesen, als sie mit einem Gaststudenten aus Kenia ihr Kind bekommen habe. Aber sie habe die Welt bereist und Barack eine Erfahrung mit anderen Kulturen geschenkt, wie sie sonst kaum ein anderer Amerikaner habe.

Nach dem Studium hätte er natürlich an die Wall Street gehen können, aber nein, er habe als Gemeindearbeiter in einer der härtesten Nachbarschaften Chikagos gearbeitet. “Stellt Euch einen Präsidenten der USA vor, der mit dieser Erfahrung ins Oval Office einzieht.” Danach sei er Anwalt geworden, wie so viele andere. “Auch ich bin Anwalt, es gibt viel zu viele Anwälte, fast jeder Kandidat für das Präsidentenamt ist Anwalt – aber die sind damit alle Millionäre geworden.” Nicht so Obama. Statt dessen habe er mit Bürgerrechtlern gearbeitet.

Und der Vorwurf, er sei nicht hart genug, sei zu naiv? “Jemand, der in Chicago auf der Straße gearbeitet hat, der weiß, dass Hoffnung allein nicht genug is.” Acht Jahre lang habe Barack im Staatssenat von Illinois gearbeitet, einem der härtestes Plaster Amerikas. “We are not tought enough!? We live in Chicago”, hält Michelle den Zweiflern entgegen.

Barack ist bereit – aber sind wir bereit für ihn?

Und ein letztes Beispiel für seine Integrität: Der Krieg im Irak. “Das sind doch die Fakten: Wir sind in diesem Krieg, weil wir Angst gehabt haben, weil Washington Angst vor den angeblichen Massenvernichtungswaffen hatte.” Barack, als einziger unter allen ernstzunehmenden Kandidaten, habe nicht dafür gestimmt.

Damit sei klar, Barack Obama ist nach den “years of experience in the shadows” bereit für das höchste Amt der Welt. “Die Frage ist nur: sind wir dafür bereit? Es gibt eine klare Wahl: entweder es geht weiter wie bisher, oder wir wählen Barack, etwas anderes gibt es nicht.” Nun sei es an jedem einzelnen, seine Entscheidung zu treffen. Die Wahl am Samstag in South Carolina sei der erste Schritt dahin: “Stellt Euch vor, wenn wir das hier schaffen, war wir dann in der Welt erreichen können!”

South Carolina macht John McCain wieder stark

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20. Januar 2008 | 21:06 Uhr

Wer Mike Huckabee gehört hat, für den ist John McCain fast eine Erlösung. Endlich ein Republikaner, der weiß wovon er spricht, wenn er Washingtons Politik vom Kopf auf die Füsse stellen will – und dennoch keine einfachen Lösungen progagiert. Der (relativ) liberale Senator präsentiert sich als integrer und charakterstarker Politiker, mit dem alle drei Flügel der Partei leben können. Die Botschaft wirkt, zumindestens bei den Leuten, die an diesem regnerischen Tag zu McCains Hauptquartier in Columbia gekommen sind und liebevoll gemalte Plakate hochhalten: “South Carolina loves Johnny Mac”. Und tatsächlich: mit dem Sieg in diesem Südstaat ist John McCain wieder einer der Favoriten der Republikaner.

“Ein Mann mit Rückgrat”

Der Kandidat ist noch gar nicht erschienen, aber die Stimmung ist gut. Ein Vertreter der Lokalprominenz nach dem anderen tritt ans Mikrofon und lobt den Kandidaten. Einige gegen freimütig zu, beim letzten Mal noch für George W. Bush gekämpft zu haben, andere haben sich erst vor zwei Wochen entscheiden können. Doch jetzt haben die Senatoren, Abgeordneten, der Sheriff und der Staatsanwalt keinen Zweifel mehr: John McCain ist der Mann, der die Republikaner und Amerika retten kann. Heyward Hutson, Vietnam-Veteran wie McCain bringt es auf den Punkt: “Wir brauchen in Washington wieder jemanden, zu dem wir aufschauen können. Ich habe nicht immer in allen Fragen mit ihm übereingestimmt, aber ich habe immer gewusst, wofür er steht. Er hat Rückgrat, er ist ein echter amerikanischer Held und wird ein guter Commander in Chief sein.”

Dann ertönt Musik, “Johnny B. Goode” von Chuck Berry und plötzlich ist McCain da, flankiert von seiner sehr blonden Frau Cindy und seiner Tochter Maughan. Er ist blasser als alle anderen auf der Bühne, man sieht ihm seine 71 Jahre deutlich an. Sein Lächeln scheint bei den Pointen nur sehr kurz auf, aber seine Augen blitzen. Nun sind die Politiker aus seiner Entourage dran, die ihn im “Straight Talk Express” quer durch das Land begleiten. Auch sie Senatoren und Abgeordnete aus Washington, die für eine unabhängige Politik bekannt sind und McCains Charakterstärke loben. Er kenne die Welt – und die Welt kennt John. Er habe seine eigenen Söhne im Einsatz in Afghanistan bzw. Irak und wisse, wie wichtig das Militär für das Land ist; er schaut nicht auf die Umfragen sondern auf die Menschen und spricht die Wahrheit aus. Das richtet sich an die Militärangehörigen, die in South Carolina besonders stark vertreten sind.

Der Familien-Mensch

Dann tritt Cindy McCain nach vorne, um nach all dem Macho-Politik etwas über “the man” erzählen, der seine Familie immer über alles gehalten habe. Sie hatten bereits drei Kinder, als sie von einem Besuch bei Mutter Theresa in Bangladesch mit einem kranken Mädchen zurückkehrte, das medizinisch behandelt werden sollte. Doch auf dem Flug, ohne Absprache mit ihrem Mann, habe sie sich entschieden, dieses Kind zu adoptieren. Und beim Empfang am Flughafen habe er nur gelächelt, ihr Mann, John McCain, “the next president of the United States”.

Nur eine kurze Geschichte, aber sorgfältig kalkuliert auf die sozialkonservativen Republikaner. Die besonders radikalen unter ihnen fahren in South Carolina schon wieder eine Schmutzkampagne gegen ihn. Er habe als Kriegsgefangener in Vietnam egoistisch gehandelt und Cindy sei eben nur seine zweite Frau, die erste habe er mitsamt den ersten drei Kindern (auch davon zwei adoptiert) verlassen. Ersteres wird hier im provisorischen Zelt vor McCains Hauptquartier empört zurückgewiesen, letzteres zumindestens akzeptiert, denn die Menschen kennen McCains persönliche Geschichte. “We know the truth”, steht auf einem der handgeschriebenen Plakate, und auf der Rückseite: “An army wife for McCain”. Schon im Wahlkampf 2000 hatten persönliche Anwürfe McCain den Sieg in South Carolina gekostet. Das soll nicht noch einmal geschehen, daher hat er jetzt eine “Truth Squad” aufgestellt, die alle Vorwürfe sofort beantworten soll.

“We will never surrender. They will.”

Erst jetzt ergreift der Kandidat das Mikrofon, und die Gedanken über sein hohes Alter rücken sofort nach hinten. “Wir werden hier in South Carolina gewinnen – und dann im November auch die Präsidentschaft”, ruft er seinen Anhängern zu. In diesen schweren Zeiten brauche Amerika einen entschlossenen und erfahrenen Führer, der das Land im Kampf gegen den islamischen Extremismus anführt. “We will never surrender. They will.” Markige Worte, aber der Zungenschlag ist dennoch ein anderer als bei Mike Huckabee, der tags zuvor vom “Islamo-Faschismus” gesprochen hatte, der vernichtet werden müsse: “We win. They lose.”

Doch McCain weiß, dass er sich hier nicht weiter als Militärexperte und Außenpolitiker weiter profilieren muss. Sondern als harter Steuer- und Finanzpolitiker, um auch die “fiscal hawks” in seiner Partei zu gewinnen. Wie in Michigan, wo ihm die offenen Worte Wählerstimmen gekosten haben, sagt er den Wählern auch in South Carolina harte wirtschaftliche Zeiten voraus. Aber noch immer sein Amerika der größte Innovator, der größte Exporteur der Welt und könne sich aus der Misere befreien.

Die Steuern müssen runter, die Staatsausgaben auch

Doch dafür müsse in Washington das Steuer herumgerissen, die Staatsfinanzen saniert werden. Als erstes, so McCain, werde er die nur temporären Steuersenkungsgesetze der Bush-Administration permanent machen – damit Unternehmen und Familien ihre Zukunft planen können. Und dann müssten die Staatsausgaben drastisch gekürzt werden, vor allem die Projekte für einzelne Interessensgruppen, die so genannten porc barrel projects. Dabei könnten 100 Mrd. Dollar eingespart und in die Umschulung und Qualifizierung der Menschen gesteckt werden. Außerdem wolle er die Unternehmenssteuer von 35 auf 25 Prozent senken und die Steuergesetze drastisch vereinfachen.

An dieser Stelle verfällt McCain dann doch in den Huckabee-Stil. Natürlich sei das auch gegen den Widerstand der Washingtoner Lobby machbar, das sei doch ganz einfach. Er werde eine Kommission unter Leitung von Alan Greenspan (dem greisen Ex-Notenbankchef) einrichten und einen Plan ausarbeiten lassen. Und dann habe der Kongress 60 Tage Zeit, ja oder nein zu sagen.

Ein Blick in Putins Augen

Ganz zum Schluss kommt er dann doch noch zum Irak. Er braucht nicht mehr zu erklären, dass er von Anfang an die falsche Strategie von Donald Rumsfeld kritisiert und mehr Truppen gefordert hatte. Statt dessen spricht McCain die Entscheidung von Time-Magazin an, Wladimir Putin zum Mann des Jahres zu machen. Er habe Putin tief in die Augen gesehen und darin klar und deutlich drei Buchstaben gelesen: K G B. Nein, nicht Putin sei der Mann des Jahres, sondern General David Petraeus. Der Mann, der McCains Forderungen im Irak umgesetzt und die Lage (vorerst) zum guten gewendet hat. Die Botschaft ist deutlich: Wählt McCain, und solche Fehlentscheidungen wie die von Bush, die Tausenden von US-Soldaten das Leben gekostet haben, wird es nicht mehr geben.

Ein Sieg in South Carolina, dann in Florida, …

Die Veranstaltung gibt eine Stimmung wieder, die sich langsam breit macht. Immer mehr prominente Republikaner stellen sich hinter den ehemaligen Maverik, den unberechenbaren Außenseiter. Und auch in den Umfragen erlebt McCain seit einigen Wochen einen starken Aufschwung. In South Carolina hat er gegen den Sozialkonservativen Huckabee und den Wirtschaftsexperten Mitt Romney gewonnen. Nun hat er auch eine gute Chance, am 29. Januar in Florida gegen den anderen liberalen Republikaner, gegen Rudy Giuliani zu gewinnen und als Favorit in den Super Tuesday zu gehen.

Beim Gang aus dem Zelt wird McCain bejubelt und umdrängt wie ein Popstar. Doch kaum hat er das Scheinwerferlicht verlassen werden seine Bewegungen wieder eckiger. Da ist er wieder, der Gedanke an das hohe Alter des Mannes, der die USA bis zum Jahr 2012 führen will.



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