Muss ein Politiker sein Privatleben mit der Öffentlichkeit teilen? Oder ist es ein Risiko, das Private zum Politischen zu machen? Hat das Privatleben irgendeinen Einfluss auf politischen Erfolg oder Misserfolg eines Politikers? Im Panel „ Von Sympathieträgern und Selbstdarstellern – Wahlkämpfer in den Medien“ diskutierten Nico Fried (Süddeutsche Zeitung), Kerstin Jäckel (BUNTE), Oliver Santen (BILD) und Ulrich Sollmann (Kommunikationscoach).
„Mit einer dritten Scheidung und einer bevorstehenden vierten Ehe den Wahlkampf 1998 zu gewinnen, das war eine Meisterleistung von Gerhard Schröder.“, begann Moderator Udo Röbel das Panel. Wie man es schafft, vom Ehebrecher zum gestresster Vollzeitpolitiker der zuhause kein Schnitzel gebraten bekam, war lediglich ein Vorgeschmack auf das Kommunikationstalent von Medienkanzler Schröder.
Angela Merkel hingegen lässt nur kleine Häppchen aus ihrem Privatleben an die Öffentlichkeit. „Bei Schröders, da war das so als ob man unter deren Tisch sitzen würde und ihre Gespräche mitverfolgt“ findet Oliver Santen. Für Kerstin Jäckel scheint jedoch gerade im Kontrast zwischen Schröders „Glamour“ und Merkels Zurückhaltung mit Privatem das Erfolgsrezept der Kanzlerin zu liegen, weil sie mit ihrer Nüchternheit damit den Zahn der Zeit träfe.
Der Medienerfolg des Polit-Shootingstars zu Guttenberg ist für Ulrich Sollman ebenso einfach zu erklären: Seine Ästhetik, sein modernes Auftreten, das Bild eines „Schönheitsmenschen“ in einer „heilen Koalition“ biete der breiten Bevölkerung eine Fläche zur Projektion der eigenen Wünsche. Dennoch sei zu Guttenberg keineswegs innerlich immer so ausgeglichen wie er äußerlich wirke – eine Unruhe in seinen Beinen habe Sollmann beispielsweise gestern Abend bei der Verleihung des Politikawards bemerkt – „es ist nur verständlich, dass er AC/DC mag.“
Nico Fried hingegen findet viele Diskussionen über den neuen Verteidigungsminister als zu „Äußerlichkeiten-schwanger“. Wirklich bekannt geworden sei zu Guttenberg in der Opel-Nacht, als er sich als einziger gegen den Kompromissvorschlag ausgesprochen hatte. Fried beunruhige es, dass das Echo auf diese ablehnende Haltung gegenüber einem Kompromiss auf so fruchtbaren Boden im Wahlvolk fiel – schließlich sei der Kompromiss als solcher konstituierend für unser demokratisches System.
Fazit der Panel-Teilnehmer: Das Beispiel zu Guttenberg zeigt, dass man auch ohne politische Erfolge als erfolgreicher Politiker wahrgenommen werden kann – eine gute Inszenierung kann bereits ausreichen. Funktioniert jedoch auch der Umkehrschluss? Kann ein erfolgreicher Politiker im Amt bleiben, wenn er wegen seinem Privatleben unter öffentlichen Beschuss gerät?
Das Beispiel Seehofer zeige laut Oliver Santen, dass auch Bayern liberaler werden. Schlagzeilen aus dem Privatleben würden von der Öffentlichkeit gerne aufgenommen, aber die Konsequenzen für die politische Karriere wären mittlerweile nicht mehr so einschneidend wie noch vor zwölf Jahren. Nico Fried betont hingegen, dass Medien weiterhin eine Grenze zwischen Privatleben und öffentlichem Leben ziehen werden, und dass über das Privatleben erst dann berichtet werden würde, „wenn es politisch wird.“ Das Panel ist sich nicht ganz einig, ob jeder Politiker es selbst in der Hand habe ob er sein Privatleben ins Rampenlicht stelle und ob eine alte Homestory von Horst Seehofer einen Freibrief zur Berichterstattung über sein Privatleben darstellt. Gelegentlich sei dies auch überhaupt nicht der Haken, denn „ letztlich kommt immer irgendeiner der es politisch macht, und sei es nur ein Ortsverband“, merkt Fried an.
Kommunikationscoach Sollmann fasst zusammen: Die richtige Dosierung des Privatlebens in der Öffentlichkeit muss jeder Politiker für sich bestimmen, denn jede Dosis kann zu Erfolg und Misserfolg führen. Letztlich sollten eigene Charakterzüge nicht vertuscht, sondern angenommen werden und in das Gesamtbild stimmig integriert werden. Als Stoiber 2002 in einer Talkshow kein einziges Mal „äh“ sagte, wurde dies von der breiten Masse schließlich auch nicht als erfolgreiches Training wertgeschätzt, sondern als Verlust seiner Persönlichkeit empfunden.