Nach dem erneut erfrischenden und weitsichtigen Vortrag von unserem Bundesminister Peer Steinbrück in der Friedrich-Ebert Stiftung im Rahmen des Bonner Dialogs fuhr ich zuversichtlich nach Hause. In seinem Vortrag sprach er u. a. von der dringenden Notwendigkeit, dass der neuen Generation von Unternehmen, die allesamt der Kreativwirtschaft nun zugeordnet werden, ein angemessenes unterstützendes Finanzierungsgerüst auf der einen Seite und ein nachhaltiges Sozialsystem auf der anderen Seite gewährt werden muss. Besonders aber ist hervorzuheben, dass der Herr Bundesminister eindringlich auf den Umstand des politischen Selbstverständnisses hinwies, indem er eindringlich davor warnte, dass gerade auch die SPD sich davon verabschieden muss, diese neue Generation die klassische Idee von Partei und Gewerkschaft weiterhin anzuerkennen. Er sprach sich somit für einen Wandel aus der Mitte der Parteien und der Gewerkschaften aus, und ermunterte die anwesenden Gäste, hier mit neuen Konzepten und Vorschläge hervorzutreten, so dass auch die zukünftige Generation von Wählern, sich der Sozialdemokratischen Partei Deutschland, aber auch insgesamt gegenüber den Gewerkschaften öffnen mögen.
Zuhause angekommen, schaltete ich dann doch noch mal das Fernsehen an. Steinbrücks Vortrag hatte mich mal wieder innerlich aufgewühlt und mein Denken aktiviert. Beim Umschalten auf die einzelnen Kanäle fiel mir dann auf, dass wir uns schon lange in einer pornografischen Gesellschaft befinden. Auf zahlreichen Kanälen räkelten sich lasziv weibliche Körper, und ein Wirrwarr obszöner Anzeigen verführte meine Augen und damit meinen ursprünglichen Willen, stattdessen ernstzunehmenden Mitteilungen meine Aufmerksamkeit zu schenken. Nach Mitternacht entkommt kein Zuschauer mehr derartiger optischer Vergewaltigung. Wir alle sind auch als Betrachter gedanklich im Sumpf des praktizierten Ehebruches und im Ausverkauf unserer eigenen Seele. Zunehmend vereinnahmt auf Grund des falschen Verständnisses von wahrer Freiheit das Medium auch unser Denkvermögen. Bekanntlich verhindert die reine mediale Wahrnehmung auf lange Zeit auch unsere Aufmerksamkeit, die bspw. Schüler am nächsten Morgen im Schulunterricht benötigen. Die Verwahrlosung unserer Sinne wird jedem von uns besonders deutlich, wenn man sich mit Freunden oder seiner Geliebten vor die Mattscheibe setzt und dann aus heiterem Himmel mehr oder minder zur Ausübung seiner Triebe aufgefordert wird. Eltern haben sprichwörtlich am Ende das Vergnügen, die somit bei ihren verführten Kindern entstandenen Kosten für obszöne Telekommunikation an gierige Konzerne und deren Inhaber von Aktien zu entrichten. So mancher Inhaber von Aktien hat vielleicht selber Kinder, und ob man es will oder nicht, wir alle sind in diesem ökonomischen Netzwerk zunehmend auch unmoralisch miteinander verknüpft und somit gefangen. Die modernen Technologien vergewaltigen unsere Sinne und entmächtigen uns zunehmend, ja rauben uns die Selbstbestimmung. Der Mensch verkommt zunehmend zu einem triebhaften Ungeheuer, dem das ökonomische perfide Einmaleins die Identität zerschlägt.
Die Kreativwirtschaft hat wahrlich auf sehr eindrückliche Art und Weise, hier insbesondere im sogenannten Sektor des interaktiven Fernsehen und überhaupt im Sinne des „Interaktiven“ bewiesen, wie clever sich gerade im sogenannten Medienzeitalter ökonomisch die Triebe des Menschen ausschlachten lassen. Denn in Wahrheit sind natürlich alle diese off- bzw. online gesteuerten obszönen Aufforderungen, z. B. unaufhörlich obskure Telefonnummern aufzurufen, respektive dem eigenen Mobiltelefon pornographische Bilder aller Art und Perversionen zuzulenken, nichts anderes als ein gigantischer Betrug und auch ein Skandal. In Wahrheit stecken hinter diesen modernen Interface-Technologien Konzerne, die mit allen auch nur erdenklichen Mitteln der Technik der Gesellschaft insgesamt massiv die Geldbörsen leeren wollen und sollen!
Die operative Politik lässt dieses Spiel auch ausdrücklich zu. Nach wie vor ist der Bund maßgeblichen an den gerade in diesem Sektor tätigen Konzernen direkt oder indirekt beteiligt. Es gibt besondere Empfänge von gigantischen Mobilfunkkonzernen, die jedes Jahr die amtierenden politischen Funktionsträger auf exklusive Veranstaltungen einlädt, um sie dort in das obszöne Netzwerk der modernen Mediengesellschaft einzuführen.
Sicherlich ist das aber für diejenigen, die sich pragmatisch mit der Umsetzung von puristischen technischen Herausforderungen beschäftigen, hier also auf dem klassischen Fernseh- bzw. Computerbildschirm diese Verknüpfung im Sinne einer komplexen Bildtechnologie zu erzeugen, nur ein Job wie jeder andere. Die Idee der Arbeit steht aber auch hier auf dem Prüfstand. Darf die Idee der Arbeit Destruktivität in jedem Fall erlauben? Haben wir es ernsthaft mit einer positiv denkenden Kreativwirtschaft zu tun, von der Herr Minister Steinbrück sicherlich in seinem Vortrag so begeistert sprach? Oder sind es an dieser Stelle in Wahrheit doch eher nahezu verbrecherisch agierende Individuen und Inhaber von Untermnehmen, die letztendlich zu einer Vergewaltigung unser Sinne alles unternehmen und dabei auch unser ureigenstes seelisches Empfinden mit Niedertracht konfrontieren? Ist das die wahre Intention der Kreativwirtschaft, die uns nun ungestraft abendlich bei nahezu fast jeder Art von filmischer Darbietung mit Werbung aller Art belästigt? Ja sogar betrügerisch und vorsätzlich räuberisch in unsere Privatsphäre jederzeit sich einmischt?
Da ist von dem Gesetzentwurf die Rede, die es unserem Staat zukünftig erlauben wird, auf unserer eigenen privaten digitalen Autobahn nachzufahren, um uns dann letztendlich die herbeigelinkte Verführung und strafrechtlich somit auch mögliche Verfehlung als Negativität an die Identität des Menschseins anzuhaften. Wer verführt hier eigentlich wen, und wer sollte und muss in Wahrheit hier massiv bestraft werden?
Welche wahren Kräfte stecken hinter diesem immer gigantischer werdenden pornografischen Unternehmen mit Namen Interaktivität? Welche Generation von Kreativen wachsen hier heran, die uns am Ende noch das Prinzip der „entkoppelten Verantwortung“ als naturgegeben verkaufen wollen, so wie nun auch die Diebe des geistigen Eigentums sich als selbsternannte Helden im virtuellen und zunehmend auch reellen Raum brüsten? Geht es am Ende nicht doch nur um die Erzwingung ökonomischer Prozesse? Auch Pädophilie kostet uns alle nicht nur ein materielles Vermögen sondern auch die Zerstörung unserer Seele als menschliches Individuum. Sollten wir nicht tatsächlich endlich damit beginnen, einen Verhaltenskodex innerhalb der Kreativwirtschaft einzufordern? Sollten wir nicht die Intimität bei Mann und Frau wahren, und das Wesen der Frau als auch des Mannes mehr respektieren? Dürfen wir das Ideal des Multikulturalismus tatsächlich durch den ökonomischen Trieb jederzeit einer geistigen Vergewaltigung preisgeben?
Am Ende erzwingt die pornografische Gesellschaft ihren Tribut. Dieser könnte sich auch dadurch ausdrücken, dass unser Ideal von Liebe und Zuneigung, ja wahres Empfinden für den Mitmenschen, sich zunehmend in Form einer kaltschnäuzigen Gewalt Ausdruck verleiht. Nicht ausschließlich die operative Politik ist hier gefordert, um Missstände abzuschaffen. Sondern jeder von uns sollte sich integer in die Debatte um die Kreativwirtschaft einbringen und deren inneres Regelwerk massiv einfordern. Wir als Wähler haben auch die Aufgabe, ja die Pflicht, zukünftige Generationen vor der Zunahmen einer negativen Freiheit und einer entkoppelten Verantwortung zu schützen. Deshalb sollten wir uns nicht selbstsüchtig hinter oder vor den unzähligen Interfaces verstecken sondern endlich damit anfangen, unsere eigene Rolle in unserer pornografischen Gesellschaft kritisch zu hinterfragen und zu überdenken. In der Tat sollten wir an eine Benotung unseres Denken und Handelns herangehen.
Bei Gerhard Heise © 2008
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Gewerkschaften: die Folgen für die Menschen
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