Vielleicht wisst ihr schon, dass ich es nicht schaffe, nur die Texte eines Bloggers wahr zu nehmen. Ich dürste nach den verborgenen Details über seine Person, die sich im Subtext finden lassen. Deswegen habe ich mich einmal mit Frédéric Valin getroffen, um zu sehen, wie der junge Mann so drauf ist. Frédéric ist 25 und schreibt (meist) Politisches für Spreeblick. Meist fischt er mehr in den Randgebieten, für die sich die Tagespresse nicht interessiert, schreibt z.B. einen Lagebericht aus Sierra Leone oder über die Situation in Myanmar nach dem großen Medienhype.
In der Ankerklause ist er so pünktlich (oder ich so spät), dass er schon eine Zeitung durch hat. Aus dem abgemachten Bier wird nichts, erstmal muss ein Kakao her: Der Herr ist angeschlagen. Trotzdem kam so einiges Interessantes bei rum. Aber lest selbst:
PP: Wann und wie hast Du mit dem Bloggen angefangen?
FV: Ungefähr ab Februar letzten Jahres hab ich über Fußball gebloggt, bei Fooligan, das zur Spreeblickkolchose gehört. Was ich da veranstaltet habe, hat Johnny und Tanja ganz gut gefallen, und so bin ich bei Spreeblick reingerutscht. Wobei Spreeblick für mich weniger Bloggen ist als Fooligan: bei Spreeblick bin ich eher Autor.
PP: Wie viel Zeit verbringst du mit Bloggen?
FV: Hm, im Schnitt schreibe ich einen größeren Beitrag die Woche, kürzere hin und wieder mal. Und dann kommts drauf an: Manchmal sind es rechercheintensive Beiträge, da sitze ich schon einen Tag dran. Oft mache ich das aber mehr so zwischendrin.
PP: Liest du viele andere Blogs?
FV: Ich gestehe: wenig. Früher war es mehr, inzwischen schaue ich täglich vielleicht bei zehn, zwölf Blogs rein. Manchmal klicke ich mich abends anstatt Fernzusehen durchs Netz.
PP: Welche sind Deine Lieblingsblogs?
FV: Citronengras, Pantoffelpunk, Wirres, Trainer Baade, JeanvonWelt. Das allerliebste ist mir Trainer Baade: Das ist unglaublich, was der so alles über Fußball von sich gibt, und vor allem wie.
PP: Kommentierst Du auch?
FV: Bei Fussballblogs, ja. Ansonsten nicht mehr, außer es gibt was zu ergänzen, oder auf einen anderen schönen Beitrag zum Thema zu verweisen. Ich nehme die Artikel aber eher als geschlossen wahr. Mich treibt es nicht so zum Kommentieren.
PP: Wie wichtig sind die Kommentare für Dich und Deine Arbeit?
FV: Bei schwer zu lesenden Artikeln freue ich mich sehr über jeden Kommentar, denn dann weiß ich: Da ist was angekommen. Ansonsten ist es wie bei so Haribo-Mischpackungen: Es gibt Kommentare, über die man sich (viel zu wenig) freut, und Kommentare, über die man sich (dummerweise) ärgert. Besonders schön ist es, wenn in den Kommentaren tatsächlich konstruktiv diskutiert wird: Ich kann mich an Andreas’ Exotismus-Artikel erinnern, die Diskussion danach war großartig. Wenn so was gelingt, ist das toll, auch weil es eher selten ist.
PP: Sind Kommentare ein Bewertungsmaßstab für Dich?
FV: Nein, das nicht. Viele Kommentare heißt nicht automatisch guter Artikel. Viele Kommentare heißt unter Umständen eher, dass man über Sarah Connor, den Islam oder das Nichtraucherschutzgesetz geschrieben hat, und man dann von Sarah Connor-Fans, Islamophobikern oder militanten Rauchern bzw. Nichtrauchern geflutet wird.
PP: Was können Blogs?
FV: Ganz viel. Mir sind dabei zwei Sachen richtig wichtig, die jetzt nicht auf Blogs beschränkt sind, aber in meiner Wahrnehmung schon eher blogspezifisch sind. Da wäre einerseits: Themen vertiefen, ganz tief in die Nischen gehen. Bei Burma war das sehr erstaunlich, da gab es eine „Blog for Burma“ – Aktion, wo Meldungen ausgegraben wurden, als sich der Rest der Republik längst über Eva Hermans Haarfarbe ausgelassen hat. Andererseits: Transparenz. Die ganzen Watchblogs, die sich kritisch mit Medien auseinandersetzen, machen die ganze Informationslandschaft durchsichtiger. Das können wir gut gebrauchen, finde ich.
Ansonsten können Blogs theoretisch alles, medial gesehen.
PP: Können Blogs wirklich etwas erreichen, Kampagnen fahren etc.?
FV: Ja, naja. Wahrscheinlich bewirken die Blogs in ihrer Gesamtheit mehr, als dass sie tatsächlich was erreichen. Das Wort „Kampagne“ im Zusammenhang mit Blogs hab ich zum ersten Mal bei dieser Jung von Matt „Du bist Deutschland“-Geschichte gehört, als in den Blogs eine ganz andere, sehr viel kritischere Deutschland-Wahrnehmung propagiert worden ist. Mit großem Echo übrigens. Das war mehr ein Aufstand der Bezeichneten. Ansonsten gab es ja noch das StudiVZ. Da haben sich viele Leute überhaupt erst mit Datenschutz und Privatsphäre im Internet auseinandergesetzt haben.
PP: Hast Du so etwas wie einen Auftrag?
FV: Handwerklich ja, also bestmögliche Recherche, Lesbarkeit, so was. Aber nicht in der Themenwahl.
PP: In letzter Zeit stößt man in der politischen Blogosphäre immer wieder auf Unmutsäußerungen über das Blog PoliticallyIncorrect. Wie geht man mit PI um?
FV: Ignorieren hilft nicht viel, also muss man damit umgehen. Das heißt, erstens: sie als das bezeichnen, was sie sind, nämlich Neorassisten. Und, zweitens, ihre Funktionsweise aufdecken. Auf PI wird viel gelogen, viel verdreht, viel gehetzt: das kann man aufzeigen. Aber am Ende bleibt doch nur die Hoffnung, dass dieses geifernde, eklige Mobgehabe wie in den Kommentaren bei PI in Deutschland nicht mehrheitsfähig ist. Und das, daran glaube ich fest, ist es nicht. Obwohl, warten wir die Wahl in Hessen mal ab.
PP: Kannst du die Blogospäre in ein paar Worten beschreiben?
FV: Nee. Was ich von der Blogosphäre wahrnehme, ist ja nur ein Bruchteil, ein ganz kleiner. Von den Katzenblogs über André Heller-Fanblogs bis zu Fachblogs für Fahrradverkäufer kannst du ja alles finden. Es gibt halt keine Definition, die auf jedes Blog zu treffen würde. Es gibt keine Einheit.
PP: Die Printmedien haben in den letzten Monaten in Artikeln die Informationsverbreitung im Internet als auch die Blog-Kultur angegriffen. Was ist dran an der Diskussion?
FV: Mir verlangt das ein Schulterzucken ab. Es gibt Platz für beide, und ein Blog ist keine Konkurrenz für eine gute Tageszeitung. Die Debatten müssten sich eher darum drehen, wie die Zeitungen es schaffen, ihren Internetauftritt zu verbessern und im Printbereich attraktiver werden, textlich attraktiver. Aber wenn sie über Blogs schreiben wollen: Sollen sie doch.
Ein Dankeschön an Frédéric für dieses Interview.
Tags: Blogger, Frédéric Valin, politische blogosphäre, Spreeblick
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