
Es brodelt in der deutschen Blogosphäre. Internetsperren, soziale Unruhen und Gretchenfragen bieten in dieser Woche Anlass zu hitzigen Debatten. Und wenn Spreeblick ruft, geht man für seine Überzeugungen sogar mal wieder auf die (virtuelle) Straße. Nicht nur auf Duckhome fühlt man sich also an Heines Weberaufstand erinnert.
Der 1. Mai mit seinen traditionellen Kreuzberger Steinewerfern naht. Obwohl die letzten Jahre sehr friedlich abgelaufen sind, könnte sich dies nun ändern – so man denn dem CDU-Blog und deutschen Politikern wie Gesine Schwan Glauben schenkt. Nach ihrer Warnung vor sozialen Unruhen wurde (nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus eigenen Reihen) zurückgeschossen: Schwan sei verantwortungslos und rede revolutionäre Randale sowie einen Bruch in der Gesellschaft erst herbei.
Einige Blogger stehen ihr allerdings bei: Wolfgang Lieb hält es für vollkommen richtig, dass jemand die wachsende Wut der Bevölkerung anspricht.
Und Jens Berger glaubt ganz fest an das deutsche Revolutionspotential. Er beschwört die 68er-Demos und den Sturz des DDR-Regimes durch den Druck der Straße herauf.
Auf weissgarnix werden die wirtschaftlichen Hintergründe dieser Angst vor sozialen Unruhen analysiert.
Die Internetzensur hat in Belgien erste Wirkungen gezeigt. Wie das Parteibuch berichtet, wurde die Seite stopkinderporno.com gesperrt. Chapeau!
Auf Spreeblick wurde dieser Tage eine Online-Demo angekündigt, die wohl durchaus erfolgreich war. Ob von der Leyen davon etwas mitbekommen hat?
Die überlegt nämlich unterdessen lieber, was man mit den 20% der Internetnutzer macht, welche die Sperren umgehen können und teilweise “schwer Pädokriminelle” seien. Pädokriminelle! Das kriegen natürlich einige, die “technisch einigermaßen versiert” sind, in den falschen Hals. Gehört man nun zum Kreis der Verdächtigen, wenn man Internetsperren umgehen kann? Wenn man dieser Anleitung zur Umstellung seines Servers folgen kann? Für den Webrocker ist dies eine klare Aufforderung zur Hexenjagd 2.0.
Blogger Unintended Purpose fragt sich, weshalb Volksvertreter offensichtlich keinen realistischen Einblick mehr in die menschliche Lebenswelt besitzen.
Wenig Konkretes, aber irgendwie Anrüchiges fördert Jochen Hoff zutage, indem er nun noch den halbseidenen Bruder von der Leyens ins Boot holt. Dieser betätige sich als Online-Glücksspiel- und Pornoanbieter und profitiere von den Machenschaften seiner Schwester. Bei Kausch& Friends hält man diese Mutmaßung für komplett abwegig.
Vom Einzelnen zum Allgemeinen schwingt sich Netzpolitik auf und deutet die aktuellen Ereignissen (Internetsperre, Verbot von Pirate Bay) als kleinen Teil eines großen Kampf der Kulturen.
Tobias Haase stimmt dem Netzpolitik-Blogger Bendrath zu: Es ginge momentan um den Konflikt zwischen alten Formen der Informationsverbreitung (von oben nach unten) und dem Netz als filter- und schrankenlose Übertragungsplattform.
Die “digitale Spaltung” dirigiere Deutschland bei seinem momentanen Kurs auf den Stand eines Entwicklungslandes, meint Marcel Weiss.
Einer der wenigen, die sich für eine verstärkte Kontrolle des Internets und seiner Inhalte aussprechen, ist Blogger Jan Krone. Der “Welpenschutz” des WWW sei abgelaufen. Vorbild für eine Regulierung des Netzes könne China sein – wenn auch in abgewandelter Form:
So liegt es nahe, auch und vor allem im Sinne des Kultur- und Kommunikationsraumes Europäische Union, eine Adaption und Abstrahierung des (VR-) chinesischen Weges auf Basis europäischer Verträge wie der EU-Grundrechte-Charta und dem Vertrag von Lissabon zu prüfen. Nur auf diese Weise kann dem Grenzen ignorierenden Internet als erster Schritt adäquat begegnet werden.
Und zum Schluss die Volksabstimmung in Berlin: Es wurde sich gestern gegen die ProReli-Kampagne entschieden (was viele Blogger freuen dürfte).
Doch die Debatte wird weitergehen – zumindest damit dürfte ProReli Recht behalten.
Bild: flickr.com (A.D.A. – Anna Duncan Art)
Tags: 1. Mai, Gesine Schwan, Internetsperre, Kinderpornographie, online-demo, pädokriminelle, ProReli, soziale Unruhen, von der Leyen
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