
Nokia will das schöne Bochum verlassen. Der darauffolgende Aufschrei machte es schwer zu unterscheiden, wer nun eigentlich welche Interessen mit welchem Geschrei verfolgte.
Einer der ersten Anwärter für Kritik ist die alte Heuschrecke namens Kapitalismus. „Der Sirenengesang der Politiker macht es den Unternehmen erst möglicht, Steuergelder in erheblicher Höhe zu kassieren um sich nach Ablauf aller Verpflichtungen aus dem Staub zu machen. Bei vielen anderen Unternehmen, wie etwa Samsung, lief das in den letzten Jahren kaum anders. Ein ganz normaler Vorgang im Kapitalismus. in der sozialen Marktwirtschaft.“
Einen kurzen Rundumschlag gegen Kritiken dieser Art bietet die liberale Nische. „Und natürlich: Nokia. Oooooh, die bösen, selbstsüchtigen Turbokapitalisten! Machen einfach, was Siemens, BenQ, Müller, … usw. usw. usf. auch alle machen, weil es nunmal genau so möglich und aus Gewinnmaximierungsüberlegungen auch nötig ist – und Nokia dämlich wäre, wenn ausgerechnet sie das, was alle anderen tun, nicht täte.“ Sprach´s, und handelte sich gleich eine Zurechtweisung seitens eines Kommentators ein: „Dass Unternehmen so handeln ist nicht neu und mag’ auch unternehmerisch konsequent sein. Aber deswegen muss man es doch nicht gutheißen.“
Ähnlich liberales Gedankengut und eine Zurechtweisung aus der Kommentarfunktion findet sich auch beim Antibürokratieteam: „Nun ja, Nokia reagiert früh auf absehbare Probleme. Es wartet nicht, bis Verluste auflaufen, sondern vermeidet sie von vornherein“, heißt es im Blog. Der Kommentar mit dem wedelnden Zeigefinger folgt sogleich: „Auch wenn man Liberaler ist, sollte man nicht komplett übersehen, dass neben dem Profit auch menschliche Schicksale betroffen sind.“
Das Parteibuch geht einen Schritt über die allgemeinen Proteste hinaus, die mittels Protestklingeltönen etc. aktiv werden.
Es wird die These formuliert, dass selbst die Proteste Teil der PR-Strategie Nokias seien. Von Anfang an könne es geplant gewesen sein, Bochum nicht komplett zu schließen, sondern noch ein paar Angestellte vor Ort zu belassen, was später als nobles „Einlenken“ verkauft werden sollte.
„Auch zahlreiche mehr oder minder protestierende Blogger wären damit, ohne es auch nur zu ahnen, Teil einer Phase 1 einer PR-Kampagne von Nokia. Die deutsche Bevölkerung darf nun gespannt auf Phase 2 der Schmierenkomödie warten.“
Nun aber zum wirklich wichtigen: Was machen die Politiker? Ihr altes Handy aus dem Fenster schmeißen oder Nokia die Treue halten? Die Zusammenfassung eines Bloggers: „Finanziminister Peer Steinbrück beklagt Karawanenkapitalismus und hat sein Büro gebeten, ihm ein anderes Handy zu besorgen, weil er sein Nokia nicht mehr haben will. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer will auch kein Nokia mehr und lässt für sein gesamtes Ministerium prüfen, ob man da nicht boykottieren könnte. SPD-Fraktionschef Peter Struck (“Die CDU kann mich mal.”) boykottiert mit und wechselt von Nokia zu einem anderen Hersteller.
Bundeskanzlerin und Viel-SMS-Schreiberin Angela Merkel hat für die Boykottaufrufe Verständnis. Was sie aktuell für ein Handy verwendet, ist nicht bekannt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat nichts zum Boykottieren, weil er sowieso schon ein iPhone benutzt.“
Bild: flickr.com (mwboeckmann)
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Yigg
irgendwie habe ich ja das Gefühl, als habest du da bei mir vor lauter Freude über eine Nebensache, die irgendeine These deinerseits zu stützen scheint, die Hauptsache sowohl meines Artikels als auch der meisten meiner Kommentatoren (inkl. der “Zurechtweisung”, die ich nebenbei so nicht interpretiert habe, die Hauptsache völlig überlesen: meine (aus neoliberalener “freies Spiel des Marktes ohne staatliche Einmischung”- Sicht freilich völlig ketzerische) Forderung danach, dass die Politik endlich mal ihre Arbeit tut und sich um das Gemeinwohl kümmert, indem es dieses auch vor allzu grenzen- und ethiklosem Turbokapitalismus schützt anstatt diesen seit Jahren gegen den Ratschlag selbst manches “Kapitalisten” (ich erinnere an die Rede des Porsche-Chefs Wiedeking vor dem Stuttgarter Landtag vor ich glaube drei Jahren, in der er diese Subventionspolitik anprangerte, die am Ende noch auch den zwingt, so zu agieren, der das garnicht will) noch zu fördern…
Diese Zusammenfassung hier läßt einigen Spielraum für Spekulationen.
Sicherlich kann alles so geplant sein von Nokia, wer weiß es schon so genau.
Wir sollten aber alle aus solchen Vorgängen lernen.
1. die Poltik muß die weitere Subventionspolitik überdenken
2. Kapitalismus (sprich Marktwirtschaft) funktioniert so wie es Nokia derzeit tut.
3. es muß ein neuer Investor für das Werk in Bochum gefunden werden.
4. zuviel gezahlte Subventionen an Nokia müssen zurück gezahlt werden.
Igor
P.S. auch wenn es absurd ist, ich bleibe bei meinem Nokia Boykott und kaufe derzeit kein Nokia Handy.
Also anhand der Nokia-Story zu einer Grundsatzdebatte über Sinn und Unsinn der sozialen Marktwirtschaft (kennt man in Finnland übrigens nicht)? Das kann nicht gut gehen! Sinnlos ist es, Gewinne eines lfd. Jahres für eine mittelfristige Beurteilung der Rentabilität heranzuziehen, erst recht, wenn die Löhne zehnmal höher als in Rumänien sind, was bedeutet, dass in Bochum nur etwa sechs Prozent der Nokia-Handys produziert werden, während dem gegenüber rund 23 Prozent der gesamten direkten Lohnkosten in den Fabriken in Bochum anfallen! Und das mit dem Subventionsbetrug ist doch kalter Kaffee – Nokia hat das Geld bekommen (hat sich im übrigen für alle gerechnet) – weil ja alle Arbeitsplätze – Ende der 90iger Jahre – in Gefahr waren. Die letzte Entlassungswelle fand 2005 statt – vor den Augen der Subventionsgeber. Und für Rumänien ist das doch Klasse – denen gönne ich das wirklich. Für “unsere” Nokia-Geschassten wird es einen fetten Sozialplan geben – und andere Arbeitsplätze im Revier.