
Eine Bloggerkonferenz, Mehdorn, Abwrackprämie und zwei wichtige Gipfel inklusive Demonstrationen: Die deutsche Bloglandschaft blüht auf und verlässt den Dämmerzustand der Winterlethargie.
Die (WLAN-lose) Re:publica 09 liest sich aus Sicht der Bloggerin Liz nicht wie eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Blogosphäre, sondern mehr wie ein gelangweiltes Beisammensein arbeits- und identitätssuchender Schreiberlinge, die aus lauter Anerkennungsbedürfnis einen Verein gegründet haben. Einen Change gibt es nur bezüglich der modischen Getränke: Bionade war letztes Jahr, Clubmate ist dieses Jahr. Und eine weitere, wenig erfreuliche Erkenntnis lautet: Zu wenig Frauen sind vertreten und die Männer interessieren sich auch nicht für bloggende Frauen. Jedoch kann man es den bösen Macho-Bloggern kaum verdenken, wenn sie sich nicht in Vorträge mit dem Namen “Babykotze” im Titel hineinwagen.
Thomas Knüwer hingegen gewinnt dieser “verf***ten Parallelwelt” jede Menge positive Aspekte ab. Maha auch, Franzi ebenso. Für das Mädchenblog sprühte die Konferenz gerade zu vor “Enthusiasmus und Aktionismus”! Um einen lebhaften Eindruck davon zu bekommen, muss man sich nur die verschnarchten Videos der Veranstaltung ansehen.
Fefe kann da nur den Kopf schütteln und kommt aus dem facepalmen nicht mehr raus. Sein Rundumverriss der Veranstaltung ist durchaus lesenswert.
Jochen Hoff dagegen will sich nicht von Printmedien-Journalisten mit allen Bloggern über einen Kamm scheren lassen und besteht darauf, dass “1400 Hanseln” nicht den Querschnitt des Internets ausmachen.
Ist man mit Don Alphonso d’accord, dann ist die Blogosphäre 09 eh nur ein “labbriger Hypesack der real existierenden deutschen Vorzeigeblogosphäre“. Vergessen wir also für einen Moment den Hang zur blogosphärischen Selbstreferenzialität und wenden uns den politischen Inhalten zu.
Frédéric widmet sich den finanziellen Nöten der NPD und kommt zu dem Ergebnis, dass die NPD entgegen anderer Meinungen nicht zugrunde gehen wird.
“Da sei Schäuble davor!” meint auch flatter via Feynsinn und schreibt ein flammendes Plädoyer gegen die Aufspaltung der NPD in Splitterparteien.
Jens Berger analysiert die vielen geplatzten Träume beim Weltfinanzgipfel in London. Merkels und Sarkozys Widerstand gegen Obamas Bestreben, ein kollektiv geltendes Steuerprogramm auf die Beine zu stellen, ist ihm ein Zeichen für eine selbstzerstörerische Tendenz zur Egomanie.
F.luebberding auf Weissgarnix freut sich zumindest über einen Fortschritt, den der Gipfel offenbart: Heutzutage bricht wenigstens kein Krieg mehr aus, wenn jemand auf einem Erinnerungsfoto fehlt, die ganze Zeit telefoniert oder Politiker diplomatische Demütigungen hinnehmen müssen.
Auch das CDU-Blog zeigt sich optimistisch und wittert Zuversicht: “Mehr als 1 Billion Dollar werden aufgebracht, um die Weltwirtschaft zu stabilisieren und der Internationale Weltwährungsfond wird als Teil einer zunehmend stärkeren Finanzkontrolle weitere Befugnisse erhalten.” Na dann!
Zeitgeist spricht sich für die autonomen NATO-Gipfel-Gegner in Straßburg aus. Deren Positionen würden nicht ernsthaft gewürdigt, in den Medien sei immer nur von angeblichen Krawallen die Rede.
Roberto de Lapuente regt sich währenddessen über die Berichterstattung aus Straßburg auf. So hat das ZDF nichts besseres zu tun, als über die Verköstigung der Gipfelteilnehmer (Spargelzeit!) zu sinnieren. Damit rücken für de Lapuente sogleich Huxley´sche Prophezeiungen in greifbare Nähe. Also verdummt der Medienmensch? Vielleicht reagiert er auch nur mit sinnlosen Beiträgen auf sinnlose Treffen.
Nachdem die Türkei den neuen NATO-Generalsekretär Rasmussen zunächst boykottierte und die anderen Mitgliedsstaaten daraufhin den Dialog suchten, kann man die NATO laut der Achse des Guten getrost vergessen.
Zettel setzt den widerborstigen Erdogan in Verbindung mit dem rückständigen Gesetz des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, welches das Eheleben schiitischer Paare regeln soll. Weshalb Zettel darauf kommt, dass beide auf den ersten Blick nur unreflektiert den Westen provozieren zu wollen scheinen, bleibt unklar. Jedenfalls ist das Ergebnis seiner messerscharfen Gedanken, dass sie bei genauerem Hinsehen durchaus rational handeln. Potzblitz! Karzai stehe vor einer leicht zu verlierenden Wahl und benötige dringend die Stimmen der Schiiten. Und Erdogan wolle die Türkei als islamische Macht in der NATO etablieren.
In Deutschland erfreut sich in Zeiten einer verbreiteten Neokapitalismus-Kritik seltsamerweise gerade die FDP steigenden Sympathiewerten. Ihr “Deutschlandprogramm” wird auf den NachDenkSeiten auseinandergenommen.
Das kann das Antibürokratieteam gar nicht verstehen und plädiert stattdessen für eine Welt ohne Protektionismus, Bono und Live8.
Besonders einer wird dieser Tage von Frühlingsgefühlen heimgesucht: Rapper Massiv, das Monster, das zu lieben gelernt hat. In seinem neuesten Song lobpreist er Deutschland. Ein “Fan” (oder nicht doch die PR-Etage der Regierung?) hat das sentimentale Video dazu kreiert – mit Garantie zur Fremdschäm-Gänsehaut.
Bild: flickr.com (janaherz72)
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Eine kleine, aber wichtige Korrektur zu folgendem Absatz:
“Für das Mädchenblog sprühte die Konferenz gerade zu vor “Enthusiasmus und Aktionismus”! Um einen lebhaften Eindruck davon zu bekommen, muss man sich nur die verschnarchten Videos der Veranstaltung ansehen.”
Der “Enthusiasmus und Aktionismus” im zitierten Post bezog sich auf genau zwei Veranstaltungen (die beiden mit Esra’a Al Shafei) – mehr oder weniger im Gegensatz zum Rest der Konferenz. Von diesen beiden gibt es soweit ich weiß keine Videomitschnitte – wenn doch wäre ich an Links interessiert (auch wenn es Audio-Mitschnitte sind)