Der Mensch hinter dem Blogger III: Frank von Citronengras, Craplog usw.

Ganz bescheiden fragte Frank mich, wie er denn zu der Ehre eines Interviews käme. Liegt ja auf der Hand: Diese Endlossätze und die Mischung aus politischem Hintergrundwissen und Gespür für gesellschaftlich-mediale Abstrusitäten finde bestimmt nicht nur ich gut.
Im Folgenden also Gedanken zu Blogs, Politik und Exuberanz (bitte nachgoogeln).

Wie alt bist Du?
Fünfundzwanzig.

Wann und wie hast Du mit dem Bloggen angefangen?
Das war im Frühjahr 2006. Anlass war ein Artikel im Spiegel, der sich mit Filesharing auseinandersetzte. Ich ärgerte mich über die vielen sachlichen Fehler und Ungenauigkeiten, beschloss daraufhin meinen Ärger ins Netz zu posten. Zuerst auf wechselnden Bloghostern, ab Februar 2007 unter der Domain citronengras.de.

Welche Projekte hast Du noch neben Citronengras, Craplog und den Gulli-News?
Ich bin mal so frei und gebe einen Überblick: Citronengras ist mein privates Blog, auf dem ich Artikel verfasse, ohne mich thematisch zu beschränken. Was mir in den Sinn kommt und was mir wichtig erscheint, veröffentliche ich dort.
Das Craplog ist der „Moserhort der schlechten Laune“ – ein kollaboratives Blog, in dem ich mit einigen Gleichgesinnten über alles Mögliche herziehe, motze und lästere – frei vom Anspruch auf Differenziertheit. Formal pendeln die Texte zwischen Satire und Wort gewordenen Amokläufen.
1000ff ist ein von Simon betriebenes Blog, in dem es um Technik im weitesten Sinn geht. Wir schreiben da übers Bloggen, nützliche Programme, Internetkrempel und Videospiele. Tendenziell Jungskram, wenn ich das mal so politisch inkorrekt formulieren darf.
Die Gulli:News bringen aktuelle Entwicklungen im Bereich Web, IT, Hacking, Filesharing, Netzpolitik und Privatsphäre. Hier schreibe ich bezahlt. Ich sehe das Schreiben für Gulli aber nicht nur als Job, die Themen interessieren mich generell.
Dann gibt es noch Simons „Thesen aufstellen und drüber abstimmen“-Portal behaupte.es, das ich mit-administriere, sowie meinen twitter-Stream.

Vertragen die Projekte sich alle miteinander?
Jein. Es gibt natürlich Phasen, in denen ich wegen Offline-Verpflichtungen oder Lustlosigkeit weniger blogge. Bei so vielen Projekten herrscht dazu zwangsweise Fragmentierung meiner Aufmerksamkeit, mit der Konsequenz, dass ich mal auf der einen Plattform sehr präsent bin und auf der anderen einige Wochen nichts veröffentliche, und andersrum. Ich musste auch erstmal lernen, mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen, regelmäßig überall zu veröffentlichen, denn das ist einfach nicht möglich. Meine paar Leser verzeihen mir, glaube ich, temporäre Abstinenzen, denn nach jeder Durststrecke kommt man irgendwann wieder an einen Punkt, bei dem es „fließt“. Und in Gruppenblogs gibt es ja auch noch die anderen, die deine Ausfälle abfedern.
Eine andere Frage ist, ob deine Leser auch mit den anderen Sachen klarkommen, die du machst. Als ich beispielsweise bei Gulli anfing, stieß das einigen sauer auf. Aber man kann es nie allen recht machen.

Bloggst Du aus reiner Freude daran oder hast Du auch teilweise die Referenzen im Hinterkopf, die Dir später bei Bewerbungen o.Ä. vielleicht weiterhelfen könnten?
Bloggen macht mir Spaß. Ich bin aber skeptisch, ob es allzu viele Personalchefs gibt, für die ein paar mäßig bekannte Blogs Referenzen darstellen. Ich gebe mich hier und da ja auch kapitalismuskritisch, das könnte zusätzlich abschreckend wirken. Vielleicht irre ich mich aber auch, bei meiner nächsten Bewerbung probiere ich das mal aus. ☺

Wie verdienst Du Dein Geld?
Ich bin offiziell Student, aber mein Studium liegt momentan etwas brach. Daneben bin ich wohl das, was man einen Multijobber bezeichnet.

Wie viel Zeit verbringst du mit Bloggen?
Das variiert. Ich schätze im Durchschnitt etwa 20 Stunden die Woche.

Liest du viele andere Blogs? Hast Du welche, die Du besonders häufig frequentierst?
Ja. Neben so ziemlich allen Artikeln meiner Craplog-Kollegen lese ich noch ca. 70 Blogs halbwegs regelmäßig. Ich möchte da keines besonders hervorheben, meinen Feedreader kann jeder einsehen.

Sind Kommentare ein Bewertungsmaßstab für Dich?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Auf der einen Seite freut es mich, wenn ich positive Kommentare zu einem Artikel erhalte, den ich selber als eher so mittelmäßig eingestuft hätte. Auf der anderen kommen als quasi-Automatismus immer wieder nervige Kommentare herein: Von Linkspam über persönliche Angriffe bis hin zu Naziattacken ist alles schon vorgekommen. Die Hemmschwelle in Blogs herumzutrollen ist vermutlich aufgrund der fehlenden Registrierungspflicht noch geringer als in Foren. Darüber, wie man im eigenen Blog die Kontrolle über die Kommentarbereiche behält, habe ich hier mal einen Artikel bei 1000ff verfasst. Summa summarum: Kommentare können sehr motivierend sein und wichtige Ergänzungen oder Korrekturen zum Artikel enthalten, sind meist „so mittel“ und eben „da“, können mitunter auch richtig nerven. Im Großen und Ganzen halte ich sie für leicht überbewertet.

Die Onlineausgaben von Zeitungen etwa täten meiner Meinung nach gut daran, auf Kommentare zu verzichten. Denn auch wenn die Idee theoretisch gut ist, Artikel ergänzen oder kritisieren zu können, um die Leser-Blatt-Bindung zu stärken, geht in der Praxis doch der kleine Haufen „guter“ Kommentare unter inmitten all jener Absonderungen von Leuten, die früher, für die Öffentlichkeit unsichtbar, verbitterte Leserbriefe an die Redaktionen verfassten, deren letzter Satz stets „Armes Deutschland!“ lautete.

Nach dem Spiegel-Artikel ist die Frage ja wieder virulent geworden: Können Blogs wirklich etwas erreichen, Kampagnen fahren etc.? Oder einfach: Was können Blogs?
Dass manche Blogs enorm mobilisieren können, steht für mich außer Frage. Da reicht es sich hier in Deutschland „Politically Incorrect“ anschauen, die zu einem der Stützpfeiler des neuen antimuslimischen Rassismus geworden sind. Wenn in diesem Blog eine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse eines Politikers oder Journalisten veröffentlicht wird, kann die Person sicher sein, in nächster Zeit Schmähungen übelster Sorte bis hin zu Morddrohungen zu erhalten. Mal ganz wertfrei formuliert: Dieses Blog hat eine sehr treue und aktive Community und kann durchaus stark meinungsbildend wirken (sofern der Leser die Veranlagung zu Sündenbocksuche und Verschwörungstheorien hat). Der Erfolg von PI hat hierzulande im demokratisch verfassten Spektrum leider noch keine Entsprechung gefunden.

Aber die Diskussion geht auch am Thema vorbei. Ich denke nicht, dass man Weblogs beziehungsweise der „Blogosphäre“ allumfassend irgendwelche homogenen Eigenschaften, Fähigkeiten oder Potentiale beimessen kann. So revolutionär, zugänglich und kommunikativ die Technik auch sein mag, kommt es vor allem auf die Leidenschaft und rhetorischen Fähigkeiten der Leute an, die ein Blog mit Inhalt befüllen. Und nicht zuletzt auch auf die Zeit und Mittel, die man dafür aufwenden kann. Mit ein paar Millionen Euro Venture Capital wäre eine deutsche „Huffington Post“ problemlos möglich. Aber finde erstmal jemanden, der das finanziert.

Als parteipolitisches Instrument halte ich Web 2.0-Technologien noch nicht für tauglich, weil es schlicht in der politischen Sphäre an Leuten fehlt, die so etwas können. Politiker haben Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Volk, wie man an den vielen unbeantworteten Fragen bei abgeordnetenwatch.de sieht, etwa bei Innenminister Schäuble. Ein Blog ist ein Ort, an dem man die üblichen Wahlplakat-Floskeln nicht mehr anbringen kann, denn diejenigen Leute, die wissen was ein Blog ist, kommentieren, stellen Fragen, sie wollen den Dialog. So lange die CDU im Merkelcast oder dem oberpeinlichen „iKauder“ nur mit PR-Phrasen um sich schmeißt, solange die SPD kritische Stimmen in ihrem Mitgliederforum zensiert und solange die Grünen sich nicht um Kommentarspam in ihrem (strunzlangweiligen) Blog kümmern – solange werden auch Parteienblogs nichts bringen.

Wie es gehen könnte, zeigt das Blog von Mark Seibert aus der Linkspartei. Er sieht das Blog nicht als trockenes Marketinginstrument, sondern originär als „seins“. Durch die persönliche Komponente werden Blogs meiner Meinung nach lesbar, nicht durch glattgekämmte Parteiplattitüden.

Manche Leute haben keine Zeit, sich selber mit tagesaktuellen oder komplexen politischen Themen auseinander zu setzen. Sie besuchen politische Blogs, um eine Meinung zu erhalten, die der klassischen Berichterstattung zuwiderläuft. Ich glaube, das ist der Beitrag, den politische Blogs zum Mechanismus des Effizienzgedankens der Informationsverarbeitung im Internet leisten. Bewertest Du es negativ, ‚nur’ den Kerngedanken von Meinungen, Thesen und Antithesen zu kennen? Oder unterstützt Du das getAbstract-Prinzip?
Auch das kann ich nicht so einfach beantworten. Eine wichtige Aufgabe, für die Blogs wie geschaffen sind, ist die „Gatekeeper“-Funktion. In Zeiten, da Zeitungsredaktionen vie zu häufig voneinander abschreiben, ihre Blätter zu wachsenden Teilen aus Agenturmeldungen zusammenstellen, ist es eben enorm wertvoll, Links zu den wenigen Perlen aus Blogs zu erhalten. Ein Link mit einem kleinen knackigen Kommentar wie bei Fefe mit seinem trockenen Sarkasmus, reicht oft. Tatsächlich wird dadurch sogar die Quellenvielfalt erhöht und man kann, wenn man will, in kurzer Zeit mehr Informationen zu einem bestimmten Thema „aufsaugen“ als mit der einstündigen Lektüre der lokalen Tageszeitung.

Andererseits schätze ich es auch, wenn Blogger analysieren, ihren eigenen Standpunkt auf ein Thema verdeutlichen, zum Beispiel Jochen, der mit enormer Ausdauer fast jeden Link bei sich ausführlich kommentiert. Das Schöne an Blogs ist ja, dass sie nicht innerhalb der eng gefassten Grenzen journalistischer Kategorien operieren, sondern hemmungslos Berichterstattung, Kommentar und Glosse, angereichert mit Alltagsbeobachtungen, vermischen können. Das kann eine Stärke sein: Wer sich beispielsweise über den so genannten Problemkiez Neukölln nur aus den klassischen, vermeintlich neutralen, Medien informiert, bekommt zwangsläufig ein anderes, in der Tat verzerrtes Bild, als jemand der sich den Stadtteilrundgang von Fred bei Spreeblick durchliest.

Was für ein Wissens-Typ bist Du? Mehr der exuberante Anna Karenina-Leser oder der effiziente Wikipedia-Nutzer?
„Exuberant“ musste ich jetzt erst nachgooglen. ☺ Ich lese viel, im Web, aber auch Bücher. Wenngleich ich zugeben muss, dass es von letzteren mehr sein könnten. Gerade vor wissenschaftlicher Lektüre schrecke ich manchmal richtiggehend zurück, weil mir dieser typische Forscherhabitus, einfache Sachverhalte so unverständlich wie möglich zu verklausulieren, oft sauer aufstößt. Die Wikipedia finde ich hingegen besser als ihr Ruf. Klar, man sollte deren Informationen kritisch aufnehmen, auch mal in die Artikeldiskussionen und Versionsarchive hineinschauen, wenn man Informationen entnimmt, aber Fehler gibt es in jedem Nachschlagewerk und PR lässt sich meist doch enttarnen, etwa dank des Wikiscanners. Mittelfristig glaube ich, dass die Selbstregulation in der Wikipedia die Oberhand behalten wird. Je mehr Leute Wikipedia lesen, desto mehr potentielle Beobachter hat sie auch.

Johnny Haeusler hat sich kürzlich wieder darüber beschwert, dass das Internet sein Leben zerstört. Bist Du auch in den letzten Jahren unsozialer, weniger entscheidungsfreudig und unkonzentrierter geworden?
Thema soziale Kontakte: Kann ich für mich nicht bestätigen. Klar kommt es vor, dass ich an einem Abend, an dem ich eigentlich etwas unternehmen wollte, vor dem PC versackt bin, aber danach hatte ich zumeist auch das Gefühl etwas geschafft, irgendetwas kreiert zu haben – ob das nun ein Blogeintrag oder etwas anderes war. Ich bin auch kein Freund der Aufteilung „virtuelle“ Webwelt gegenüber echter „Offline“-Kontakte. Einen Haufen interessanter, toller Leute habe ich über ihre Blogs kennen gelernt. Ich brauche nicht zwingend Face to Face-Kontakt, um mich mit jemandem gut zu verstehen. Und längst verschwimmen diese Grenzen ja auch. Immer mehr Leute „verwalten“ ihre Kontakte auch in sozialen Netzwerken (was zu absurden Situationen wie Real-Life-Sozialfrost aufgrund von StudiVZ-Freundschaftskündigungen führt). Finde ich albern, ehrlich gesagt.

Thema Entscheidungsfreude: Ich habe mir gerade einen neuen PC zusammengestellt und mehrere Tage damit zugebracht, Preis und Qualität der Einzelkomponenten zu vergleichen. Aber jetzt, nach all der Recherche, kann ich mir zumindest sicher sein, keinen Schrott zu kaufen. Im Zweifel vertraue ich der „Weisheit der Massen“ einfach mehr als dem geschniegelten Verkäufer im Elektrogroßmarkt. Von daher: Punkt fürs Web.

Thema Konzentration: Die Gefahr, dass man sich im Web verliert, ist durchaus da. Ich sehe das seit dem Tag, an dem ich angefangen habe mit dem Bloggen daran, dass die Liste meiner angefangenen, aber nie fertig gestellten Beiträge erheblich länger ist als die der veröffentlichten. Ständig schwirren mir drei, vier Sachen im Kopf herum, die ich unbedingt mal machen müsste, von denen garantiert aber höchstens eine realisiert wird. Das ist einfach eine Frage von Zeit und Aufwand. Vermutlich wird nach dem Internet mit seinen Möglichkeiten der entgrenzten Zerstreuung die nächste große Technik, die die Menschheit sich aneignen muss, die der Konzentration auf eine selbst gesetzte Aufgabe sein. Das schon etwas ausgeleierte Schlagwort „Prokrastination“ und die vielen Methoden im Web zum „Getting things done“, die man etwa bei lifehacker.com findet, zeugen davon, dass das ein großes Thema in den Köpfen der Webnutzer ist. Aber was soll’s – mir ist jemand lieber, der die neuen Einträge in seinen 100 abonnierten Feeds nur oberflächlich taxiert als einer, der sich allabendlich mit RTL 2 narkotisiert.

Zum Thema Vertrag von Lissabon schreibst Du: „Aufrüstung ist als zentrales Ziel festgeschrieben. Die EU will eine militärische Weltmacht werden.” Hast Du etwas Anderes erwartet? Und wäre die EU ohne Armee denkbar?
Das Ziel globaler Abrüstung erreicht man nicht mit partieller Aufrüstung. Mal abgesehen, dass die einzelnen Staaten der EU ausreichend für einen in meinen Augen unwahrscheinlichen Verteidigungsfall gerüstet sind und es ja auch noch die NATO gibt, finde ich es gefährlich, militärische Potenz so zentral als Ziel festzuhalten. Ein solches Paradigma übergeht mit einem Wimpernschlag die Tatsache, dass die meisten Menschen etwa in Deutschland pazifistisch eingestellt sind und auch aus der Historie heraus gute Gründe bestehen, aktiv keine Kriege mehr zu führen. Die gegenwärtigen Zuspitzungen auf weltpolitischer Ebene muss die EU nicht noch befeuern, indem sie sich einen Platz an der Sonne sichern will.

Kommentare des (tatsächlich herrlichen) Ochsenknecht-Brut-Beitrages standen im Stern. Es wurde nicht richtig zitiert, das Craplog nicht namentlich genannt und zudem als ‚Webforum’ bezeichnet. Hat dich das nicht geärgert? Kann bzw. sollte man dagegen vorgehen?
Nö. Nett wär’s zwar gewesen, aber so wild fand ich das jetzt nicht.

Danke an Frank für dieses Interview.

Eine Antwort zu “Der Mensch hinter dem Blogger III: Frank von Citronengras, Craplog usw.”

  1. [...] Eigentlich interviewte mich das Blog von politik.de schon vor sechs Wochen, aber nun ist das Interview im Blog von politik.de [...]

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