Ärztemangel akut

Bei der heutigen Kabinettssitzung unter Leitung des Merkel-Vizes Philipp Rösler (FDP) wurde sein als Gesundheitsminister auf den Plan gebrachtes Landarzt-Paket beschlossen. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung mangelte es im April deutschlandweit bereits an 3600 Ärzten – vor allem auf dem Land und nicht mehr nur im Osten. In den Städten gibt es laut neuester Meldungen momentan so viele niedergelassene Ärzte wie nie, auf dem Land herrscht Ebbe, was die flächendeckende medizinische Versorgung anbelangt.

Die demographische Entwicklung der kommenden fünf bis zehn Jahre wird diese Situation noch verschärfen: bei einem derzeitigen Durchschnittsalter von 55 Jahren bei niedergelassenen Ärzten, muss aktiv geworben werden, um die Nachfolge der Praxen langfristig zu sichern. Röslers Landarzt-Paket soll nun jungen Medizinern das Leben und Praktizieren auf dem Land schmackhaft machen: diejenigen, die sich für ländliche Regionen entscheiden, sollen schneller an Studienplätze gelangen, nach dem Studium besser bezahlt werden und nicht in der Pflicht stehen, am Praxisort leben zu müssen.

Die Kosten für das Paket schätzt das Gesundheitsministerium auf rund 200 Millionen Euro. Dass es bei diesem Betrag bleibt, bezweifeln allerdings einflussreiche Institutionen: Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), Gewerkschaften, Arbeitgeber und die Krankenkassen, die die Kosten auf eine Milliarde Euro pro Jahr schätzen. Rösler sieht die Lösung des Problems pragmatisch: Schäuble solle dafür sorgen, dass die Kosten nicht aus dem Ruder laufen und der Gesundheitsminister Daniel Bahr dafür, dass „uns die Ärztinnen und Ärzte nicht weglaufen“.

Ein Problem mit Ärzten auf der Flucht – nicht nur auf Landflucht – hat auch Deutschlands politischer Nachbar Ungarn. Dort herrscht seit Monaten andauernder Streit zwischen Ärzten und Regierung. Vor zwei Wochen stellten Miklós Réthelyi, Leiter des Ministeriums für Nationale Ressourcen, und seine Mitarbeiter, ein Angebot der Regierung vor, mit dem die ewigen Diskussionen beendet werden sollen.

Grund der Auseinandersetzungen ist die unverhältnismäßig schlechte Bezahlung der dortigen Ärzte: das Einstiegsgehalt eines Facharztes liegt laut Dóra Varga, der Vorsitzenden der Vereini¬gung der Assistenzärzte, bei 140.000 Forint, was umgerechnet 530 Euro entspricht. Und auch die Lage älterer Mediziner, die Facharztausbildungen, mehrere Jahrzehnte Berufserfahrung und Doktortitel vorweisen können, ist kaum besser: ihr Nettoverdienst liegt bei 170.00 Forint, umgerechnet 650 Euro.

Ungarische Ärzte haben oft zwei bis drei Jobs, um für ihre Familien sorgen zu können

Um zu verhindern, dass junge Mediziner während des letzten Semesters von deutschen Headhuntern abgeworben werden, die mit ihnen noch vor dem Staatsexamen Vorverträge für eine Facharztausbildung in Deutschland aushandeln, hat die ungarische Regierung nun folgendes Angebot an die Ärzteschaft ausgearbeitet: 600 Universitätsabgängern soll für den Zeitraum ihrer Facharztausbildung ein fünfjähriges Stipendium von monatlich 100.000 Forint ausgezahlt werden. Im Gegenzug verpflichtet sich der Stipendiat, nach seiner Ausbildung fünf Jahre lang in Ungarn zu arbeiten und kein sogenanntes „Dankesgeld“ – Schmiergeld, das die meisten Ärzte als erniedrigend empfinden, oft aber lebensnotwendig ist – anzunehmen.

Der Staat behält sich ebenfalls vor, fertige Stipendiaten auf die Krankenhäuser des Landes zu verteilen – Arbeitsplatzzuteilung statt -suche. Im Falle eines Vertragsbruchs muss das gesamte Stipendium plus Zinsen zurückgezahlt werden – binnen 30 Tagen.

In einem offenen Brief an die Kollegen forderte die Ungarische Vereinigung der Assistenzärzte alle Mediziner zu Solidarität auf, um das vernachlässigte Gesundheitssystem mit wirksamen Mitteln zu reformieren. Ein Scheinangebot wie jenes Stipendium, mit dem 28.000 niedergelassene Ärzte zufrieden gestellt werden sollen, dürfte dazu wohl kaum ausreichen. Laut ihren Angaben verlassen drei Ärzte täglich das Land in Richtung Westen.

Auch die deutsche Dauerbaustelle der Gesundheitspolitik wird mit dem Landarztgesetz nicht langfristig zugeschüttet sein: abgesehen vom Ärztemangel am Land werden bis 2020 mindestens 220.00 Fachkräfte im Bereich der Pflege benötigt. Das sollte doch Anlass genug sein, einmal grundlegende Reformmaßnahmen einzuleiten, die weder nur Symptome behandeln, noch zusätzlich Geld verschlingen.

e.k.

Foto: Flickr.com: Johannes Gilger

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